Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 42 (sequence 43)
- Language
- German
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42 welche Bildung besassen, Abtrünnige gewesen waren, galt die Bildung in den Kreisen der Frommen als verpönt, und fast wurde es als ein Axiom betrachtet, dass Bildung und Frömmigkeit nicht mit einander vereinbar seien. Die grossen Rabbiner jener Zeit waren Meister talmudischer Gelehrsamkeit, Männer von edelstem Charakter und von tiefster Frömmigkeit, aber die Bildung ihrer Zeit war ihnen fremd geblieben. Sie konnten mit der Jugend nicht in der Sprache der Gebildeten diskutieren; und immer mehr sank ihr Einfluss und ihr Ansehen. Ein allgemeiner Zusammenbruch jüdischen Pflichtenlebens drohte sich vörzubereiten, und der Ausspruch eines der ersten Vorkämpfer der Reform: „Bis in einigen Jahrzehnten werde niemand in Deutschland mehr wissen, was das Wort koscher und trefo bedeute“, schien zur traurigen Wahrheit werden zu wollen. In dieser trüben, religiös zerklüfteten, hoffnungsarmen Zeit wuchs der Rabbi heran. Die Abkehr der Gebildeten vom Judentum tat ihm bitter weh. Einmal, so erzählt uns einer seiner Zeitgenossen, war der Rabbi durch die Vorgänge seiner Tage ganz besonders betrübt. Da schrieb er zu seinem Tröste mit Kreide an die Türe seines Zimmers die Worte des Propheten Jesaia: „Und wenn nur ein Zehntel übrig bleibt.... und wie bei der Eiche und bei der Terebinte, wenn man sie fällt, der Stamm zurückbleibt, so ist heiliger Samen ihr Stamm.“ Die religiösen Führer des Volkes, die Rabbiner, müssen — das erkannte der Rabbi damals schon klar und deutlich — wenn sie wirken wollen, sich mit der Bildung ihrer Zeit vertraut machen, sie müssen wissen, was sie den Gottesleugnern zu erwidern haben. Aus dem Arsenal der Wissenschaft ihrer Tage müssen sie die Waffen holen, um die alte Thora zu verteidigen und zu erhalten. War R. Saadia Gaon, der das Judentum gegen die Hochflut des Karäertums so wirksam verteidigt hat, nicht einer der gebildetsten und erleuchtetsten Geister seiner Zeit? War