Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 41)
- Language
- German
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40 Bewerbung ihres Sohnes um die Hand seiner Schwester Henriette einverstanden sein würde. Man kann sich denken, mit welcher Freude dieser hochherzige Vorschlag aufgenommen wurde. Es braucht nicht gesagt zu werden, dass nun die Not des Rabbi ein Ende hatte. Mehrere Jahre warteten die Verlobten auf die Stunde ihrer Vereinigung. Die Briefe, welche die Brautleute mit einander wechselten, würden es wohl verdienen, veröffentlicht zu werden. Diejenigen, die sie lesen durften, sind entzückt von dem Fluge hoher Ideen und von dem keuschen Reiz, der sie auszeichnet. Aber war auch die materielle Not von unserm Rabbi genommen, eine andere, geistige Not lastete schwer auf ihm. Er, der sein Volk und seine Thora so heiss und innig liebte, sah mit tiefem Schmerz, wie das Judentum in Deutschland stagnierte und dem Untergang entgegenging. Fiel doch die Jugendzeit des Rabbi in jene Jahre, in welchen das deutsche Judentum in seinen Grundvesten zu wanken schien. Er selbst hat diesen Zustand einmal in einem Vortrag mit folgenden Worten geschildert: „Mindestens neun Zehntel der Jugend gehörte damals teils zu den Religionsverächtern, teils zu den Religionsverrätern, oder im besten Falle zu den Gleichgültigen. Man scheute sich geradezu, sei es in religiöser Observanz, sei es auch nur im Namen, seine Abstammung und sein Judentum zur Schau zu tragen. Gebildet sein und dem Judentum vollends den Rücken kehren, das schien ihnen identisch zu sein. Die Verfolgungssucht der Reformer nahm Dimensionen an, deren selbst der mittelalterliche Fanatismus sich nicht hätte zu schämen brauchen. Überall öde Verlassenheit und Verzweiflung!“ Die Emanzipation hatte die Mauern des Ghetto gesprengt. Bis dahin waren die Juden von ihren christlichen Mitbürgern durch Ausnahmegesetze getrennt gewesen, welche ihnen die Möglichkeit zur freien Entfaltung