Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
- Issue
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 230 (sequence 231)
- Language
- German
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230 „Gott wird mir schon helfen!“ erwiderte die Seele hoffnungsfroh und flog freudig zur Erde hinab. Doch mit der Zeit schwand diese Freude. Es vergingen wieder viele Jahre, und sie sah nichts aussergewohnlich Schönes . . . Und es kamen ihr wieder traurige- Gedanken: „Wie eine lebendige Quelle ist der Strom der Menschheit dem göttlichen Willen entsprungen und er fliesst immer weiter und weiter durch die Zeit. Und je weiter er fliesst, um so mehr Schmutz und Staub nimmt er in sich auf und wird trüber und unreiner; und es wird immer schwieriger, in ihm ein des Himmels würdiges Geschenk zu finden. Kleiner werden die Menschen, unbedeutender ihre guten Werke, und winziger ihre Sünden; ihre Werke sind mit dem Auge kaum zu erkennen!... „Und wenn Gott befehlen würde,“ denkt sich die Seele, „die guten Werke und die Sünden der ganzen Welt abzuwägen, so würde sich das Zünglein an der Wage nur um eines Haares Breite rühren ... „Auch die ganze Welt ist jetzt so wie ich: sie kann weder in den Himmel hinauf, noch in die Hölle hinab und muss ewig zwischen den beiden schweben . . . Und der Fürsprech und der Ankläger würden ewig streiten, wie hier das Lichte mit dem Finstern streitet, das Warme mit dem Kalten, das Leben mit dem Tode . . . „Die Welt schwankt und kann weder hinauf, noch hinab, und darum wird es ewig Trauungen und Scheidungen geben, Beschneidungsfeiern und Beerdigungen, Liebe und Hass ... In alle Ewigkeit! . . . Trompetengeschmetter und Hörnerklang reissen die Seele plötzlich aus ihren Gedanken . . , Sie schaut hinab und sieht eine mittelalterliche deutsche Stadt. Häuser mit seltsam verzierten Giebeln drängen sich um den Rathausplatz, und auf dem Platze wogt eine buntgekleidete Menge; in den Fenstern drängt