Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
- Issue
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 225 (sequence 226)
- Language
- German
- Belongs to
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225 Die beiden Wagschalen beginnen, sich zu heben und zu senken; bald steigt die rechte in die Höhe und bald die linke . . . Und das Zünglein an der Wage zittert und schwankt bald nach rechts und bald nach links .. . Doch immer nur um eines Haares Breite: der Verstorbene ist eben ein ganz gewöhnlicher Mensch gewesen, ohne grosse Verdienste und auch ohne grosse Vergehen. Die guten Werke und die bösen Werke sind winzig und unbedeutend wie Stäubchen, wie Sandkörnchen. Man kann sie kaum mit dem Auge erkennen. Doch selbst ein Brunnen lässt sich erschöpfen, und beide Beutel sind schliesslich leer. „Fertig?“ fragt der Vater des Gerichts, der ein Engel unter den Engeln ist. Der Gute Trieb und der Böse Trieb kehren ihre Beutel heraus: sie sind wirklich ganz leer! Und der Gerichtsdiener geht zur Wage, um zu verkünden, wo das Zünglein stehen geblieben ist, rechts oder links. Und er schaut lange hin und sieht etwas, was er noch niemals gesehen hat, seit die Welt besteht. „Was schaust du so lange?“ fragt der Vater des Gerichts. „Gleich . . .“ spricht der Diener ganz verstört: „Das Zünglein steht genau in der Mitte! . . Die guten Werke wiegen nämlich genau so viel wie die bösen. * „Genau in der Mitte?“ fragt wieder der Vater des Gerichts. Und der Diener beugt sich noch einmal zum Zünglein und sagt: „Ganz genau!“ Der Gerichtshof hält Rat und verkündet folgendes Urteil: „Da die Sünden nicht überwiegen, wird die Seele vom Gehinom befreit; da aber, andererseits, auch die 15