Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
- Issue
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 225)
- Language
- German
- Belongs to
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224 6 £rei Geschenke. Vor alten Zeiten, vor vielen Menschenaltern starb einmal irgendwo ein Jude. Es ist doch nichts Ungewöhnliches, dass einer stirbt: ewig leben kann man nicht! Also man tut alles, was Rechtens ist und bestattet ihn in einem jüdischen Grabe. Kaum ist das Grab zugeschüttet, — sein Sohn spricht noch den Kaddisch, — als die Seele hinauffliegt zu ihrem Richter, vor den himmlischen Gerichtshof . . . Und wie sie dort oben ankommt, hängt bereits vor dem Richtertische die Wage, auf der man die guten Werke und die Sünden ab wägt. Es erscheint auch der Fürsprech, der gewesene Gute Trieb des Verstorbenen, mit einem schneeweissen Beutel in der Hand und stellt sich bei der rechten Wagschale hin. Und dann kommt der Ankläger, der gewesene Böse Trieb, mit einem schmutzigen Beutel in der Hand, und tritt vor die linke Wagschale ... Im schneeweissen Beutel sind die guten Werke, im schmutzigen die bösen Werke des Verstorbenen. Der Fürsprech beginnt seinen Beutel in die rechte Wagschale auszuschütten und die guten Werke duften wie Spezereien und leuchten wie die Sterne des Himmels. Und der Ankläger schüttet aus dem schmutzigen Beutel die Sünden in die linke Wagschale hinein: — sie sind schwarz wie Kohle und riechen wie brennendes Pech. Und die arme Seele steht da und sieht zu: sie ahnte gar nicht, dass es einen solchen Unterschied zwischen Gut und Böse gibt: dort unten hatte sie diese nicht recht auseinandergehalten und gar oft miteinander verwechselt.