Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
- Issue
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 208 (sequence 209)
- Language
- German
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208 Jeder hatte noch vorher das übliche Ehrengastgeschenk nach Wolfs Behausung bringen lassen oder brachte es selber mit — Wein, Kuchen, Nüsse und andere Leckerbissen. Barucb, der Reichste des Dorfes, hatte sogar ein ganzes Fässchen edlen Weins aus Wolfs Keller gespendet. Und so bildete sich bald eine regelrechte Tafelrunde, wie sie sonst nur bei den Zaddikim an Sabbaten und hohen Feiertagen üblich ist. An den zusammengeschobenen Tischen sassen die Männer und die reifere Jugend, taten sich bei Wein und Nüssen gütlich und führten in gedämpftem Plaudertone allerlei Gespräche wie an einer hochzeitlichen Festtafel. Die halbwüchsige männliche Jugend und wohl auch mancher Erwachsene bedienten den Tisch und reichten über die Köpfe der Tischgenossen hinweg Gläser und Flaschen, Tassen und Teller. Obenan aber sass Gad. Tiefversonnen — schien er seine ganze Umgebung vergessen zu haben. Seine Lippen bewegten sich unmerklich, als halte er Zwiesprach’ mit seinem eigenen Herzen. Lange sass er äo, sich um die Anwesenden nicht bekümmernd. Diese aber fühlten trotzdem seine überwältigende Nähe und jeder senkte unwillkürlich seine Stimme oder brach plötzlich das Gespräch mit dem Nachbar ab, wenn sein Blick auf Gad fiel. Eine geraume Zeit verging. Der Wein begann bereits die Stimmung der Anwesenden merklich zu beeinflussen; der eine oder der andere erhob lauter seine Stimme, die Gläser klirrten, abgerissene Jauchzer liessen sich vernehmen. Da ertönte mit einem Male Gads Stimme und alles versank augenblicklich in tiefstes Schweigen. So still wurde es im Raume, dass man das leise Klirren des gefrorenen Schnees hören kpnnte, den der Wind von den Bäumen schüttelnd an die Scheiben wehte.