Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
- Issue
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 208)
- Language
- German
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207 Nachdem das Morgengebet verhallt war, las. Gad die Thora vor, nicht im üblichen Sing-Sang, sondern im eindringlich-feierlichen Tone des Tages der Gesetzesfreude.' Das nun folgende Mussaphgebet war eine einzige Jubelhymne, deren Schlussgesang, das Ehrenlied des Sabbat, in den höchsten Akkorden ausklang. Das Gebet war zu Ende, aber die aus Bewunderung und Entzücken gewölbten WogenMimme der Inbrunst legten sich nur allmählich, als ob in aller Ohren die Melodien noch weiterklängen, immer feiner und eindringlicher, losgelöst von ihrer irdischen Quelle, gleich inneren Stimmen. Wenigstens machte noch einige Zeit hindurch keiner Miene, sich auf den Heimweg zu begeben, wo doch das leckere Sabbatmahl mit seinen fetten und süssen Beilagen ihrer harrte. Als sich aber endlich die Menge zu lichten begann, trat Baruch, der Müller, an Gad heran und sprach: „Rabbi, tu’ mir die Ehre an, heute mein Gast zu sein.“ Das Unerhörte, die Ansprache eines profanen Mannes, der seit gestern und vorgestern als solcher unter ihnen gewandelt, mit „Rabbi“ klang hier so natürlich und ungewollt, dass es niemanden verwunderte, ja am wenigsten — wie es schien — Gad selber. „Ich muss dem Hausherrn die Ehre geben“, erwiderte Gad. „So erlaubet, dass ich für heute Euer Gast werde“, beantragte Baruch ehrerbietig, worauf Gad zustimmte: „Wann immer du kommst, sollst mir willkommen sein.“ Noch war das Mittagsmahl nicht beendet, als schon der eine und der andere von den Männern nach offenbar rasch zu Hause eingenommenem Imbiss wiedererschien, um im Angesichte ihres grossen Gastes den Sabbattag zu verbringen.