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Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz · 1918-01-01 · 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918) · p. Seite 206

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Journal
Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
Volume
3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
Issue
3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 206 (sequence 207)
Language
German
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206 vergebens seine Rückkehr erwartet hatten, gingen sie zu Bett. Wolf erzählte morgens Rachel, dass es ihm war, als hörte er von Zeit zu Zeit ein leises Psalmodieren, dann wieder ging ein seltsames Regen und Rühren durch das Haus. Oder war das nur der Wintersturm, der draussen seine Orgien feierte und an Fenster und Pfosten rüttelte? Das eine war sicher, Gads Bett blieb unberührt. Die Betstube in Wolfs Schenke hatte noch nie so viele Menschen gesehen wie am nächsten Samstagmorgen. Yon den fernsten Enden des Dorfes kamen die paar Greise einhergehumpelt, die sonst nur an den grossen Feiertagen den beschwerlichen Weg zum Bethaus unternahmen. Sämtliche Kinder wurden mitgenommen und im Nebenzimmer versammelten sich alle Frauen der kleinen Judengemeinde, die sonst am Samstaggottesdienst nicht zu erscheinen pflegten. In der „Frauenhalle“, zu der sich das gestrige Speisezimmer umgewandelt hatte, erzählte Rachel, dass sie gestern bei Tische die Engel des Herrn singen gehört und unter den Männern ging ein scheues Gemurmel, als sie aus Wolfs Munde vernahmen, dass sein Gast weder ein sichtbares Bedürfnis nach Speise habe, noch den Schlaf kenne. Yon den Stimmen der Nacht aber scheute sich Wolf auch nur ein Wörtchen zu sagen, als wäre es Yerrat an einem heiligen Geheimnis, zu dessen Mitwisser er erhoben ward. Das Morgengebet begann und die Spannung, die atemraubend über der ganzen Versammlung lagerte, löste sich mählich in Andacht. Die Herzen wurden frei, sie stiegen auf wundervollen Tonleitern höher und höher und Gad war der Reigenführer. Der Raum weitete sich, die Scheidewände zwischen Mensch und Mensch sanken, alles floss ineinander, in völliger Erdentrückung verharrte die Versammlung.

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