Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
- Issue
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 205 (sequence 206)
- Language
- German
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205 und sprach den Segen über den Wein. Alle hörten ihn unwillkürlich stehend an ühd Maier und Chana, die erwachsenen Kinder des Hausherrn, die am unteren Ende des Tisches ihre Plätze hatten, waren im Anblick Gads so gedankenlos vertieft, dass sie noch wie versteinert dastanden, als schon Bachei, ihre Mutter, den Dienst der Händewäsche versehen hatte und Gad den feierlichen Segen über die Sabbatbrote sprach. Das Mahl begann. ßachel bemerkte, dass Gad von den Speisen nur sehr wenig nahm, als ob es sich nur darum handeln würde, einen symbolischen Brauch zu erfüllen. Es ist Sitte, den Gast zum Zugreifen anzueifern, aber sowohl Wolf als ßachel waren weit davon entfernt, sich eine solche Freiheit diesem Gaste gegenüber heranszunehmen. Ja, sie selber assen nur wenig, da ihre Gedanken viel zu sehr vom grossen Ereignis bewegt waren, dessen Zeugen zu sein ihnen vergönnt war, und nur Maier und Chana gewannen rasch ihren ländlichen Appetit wieder. In den Pausen zwischen den einzelnen Gängen sang Gad die Sabbathymnen. Und wieder waren es eigene, ungewohnte, ungehörte Melodien, die, bald hüpfend und trillernd wie Lerchensang, bald mit dem rührenden Schmelz der Nachtigall dahinflossen — so dass ßachel und Chana mit den Schüsseln und Tellern ratlos in der Tür stehen blieben und sich seltsam lächerlich vorkamen mit ihrer Hühnersuppe und ihrem Bohnengericht. Wolf aber vergass vollends, dass er bei Tische sass und begann sich nach vorne und rückwärts zu schaukeln wie beim Morgen gebet. Am meisten verblüfft war Golda, die ihren eigenen Yater kaum wieder erkannte. Nach Tisch zog sich Gad zurück in die Stube, die als Betsaal diente, und nachdem die Gastgeber lange