Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
- Issue
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 203)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Minchagebet war eben verrichtet und da e& für den «Empfang des Sabbat» und das anschliessende- Abendgebet noch etwas früh war, sassen die Männer auf den zwei langen Bänken zu beiden Seiten der «Lade» und blätterten in ihren Gebetbüchern, während die Jugend im Hintergründe sich etwas vorlaut verhielt. In diesem Augenblicke ging die Tür auf, die unmittelbar in die Schenke führte und herein trat eine seltsame Gestalt. Die zurückgeschobene Schabbesmütze war weiss, im Reiffrost erstarrt, mit ihren gespensterhaft abstehenden Pelzspitzen. Zwei Eiszapfen gleich starrten die langen Haarlocken zu beiden Seiten des frostroten Gesichtes, in dem die Augen geisterhaft im Glanze der lohenden Lichter funkelten, und den in weisse Reiffäden eingesponnenen Kaftan umstand, zu einem geisterhaften Eittich aufgebauscht, der starre, schwarzweisse Gebetmantel. In Entsetzen erstarrte die Versammlung. Doch der seltsame Gast schien sich wenig daran zu kehren. Er tauchte die Hände in den neben dem Vorbeterpult aufgestellten blechernen Wasserbehälter, wischte sie sich mit dem daselbst hängenden Handtuch trocken, trat sodann an das Vorbeterpult und, nachdem er die Decke der Bundeslade an seine Lippen geführt, stimmte er unmittelbar das Sehabbesgebet an. Das Entsetzen der Anwesenden ging jetzt allmählich in Verwunderung über, die Verwunderung in Entzücken. Ein solches Gebet ist noch nie an ihre Ohren geklungen. Gleich grollenden gurgelnden Orgeltönen kam es herauf, ging in melodisches Harfengeklinge über und löste sich in schmelzendem Jubel auf. Sie wussten nicht, wie ihnen war, und später erzählte der eine undder andere dieser einfachen grobwerktäglichen Menschen von diesem Gebet, dass es sie vergessen machte, wo