Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
- Issue
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 160)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3135693-3135700--0663-3136387- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
159 jeden סעיף in den vier Teilen des שלהן ערוך buchstäblieh auswendig. Es war dies auch kein Wunder, denn Reb Salme ging niemals müssig. Er lernte Tag und Nacht, und mit jenen Worten des Talmud konnte man auch von ihm sagen: ״Weinet Tag und Nacht um den, der die Nächte zu Tagen gemacht hat“. Dabei war er von einer rührenden Bescheidenheit. Aengstlich ging er einer Entscheidung aus dem Wege, die sich mit seinem stark ausgeprägten Verantwortlichkeitsgefühl nicht decken wollte, und oft gab er die Auskunft: ״Davon verstehe ich nichts.“ Als in den neunziger Jahren sich eine Reihe von elsässischen Rabbinern auf meine Veranlassung zuerst in Colmar, dann in Strassburg von Zeit zu Zeit zu gemeinschaftlichem Lernen vereinigte, da erlebte Reb Salme Stunden höchster Befriedigung. Wie leuchtete sein durchgeistigtes Angesicht und welch jugendliches Eeuer brach aus seinen Augen, wenn er in lebhafter Diskussion über schwierige Stellen des Talmuds Licht verbreiten und aus ־ dem reichen Born seines Wissens spenden konnte. Aber immer sagte er den andern: יי״כ und bedankte sich bei den Jüngeren für die Mehrung seiner Kenntnisse, als ob er nicht der Belehrende, sondern der Belehrte gewesen wäre. Streng gegen sieb selbst, war er milde und nachsichtig gegen andere. Nie hörte man von ihm ein hartes Wort über jemanden. Die viel verbreitete Untugend, sich durch Herabsetzung anderer in ein besseres Licht zu stellen, war seinem Wesen vollständig fremd. Dieser Sanftmut und diesem Edelsinn ist es wohl zuzuschreiben, dass dieser Mann, der mit seinem abgeklärten Wesen, mit seinem gleichsam nach innen gerichteten Blick, mit seiner weitabgewandten Askese so wenig in unsere Zeit mit ihrem Hasten und Jagen, ihrem Kämpfen und Ringen und ihren irdischen und sinnlichen Bestrebungen, zu