Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz · 1918-01-01 · 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918) · p. Seite 73

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
Volume
3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
Issue
3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 73 (sequence 74)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3135693-3135700--0577-3136301
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

73 Blicke waren immer dem Vergangenen zugewandt. Die längst erlebten Eindrücke rauschten von Zeit zu Zeit an seinem Auge, sein Gemüt leise, aber wehmütig berührend, vorüber. So pflegte Rabbi Jochanan häufig über sein zurückgelegtes Leben nachzudenken und bei dessen Betrachten gerne zu verweilen. Häufig hören wir ihn seine Erinnerung mit dem Einleitungswort zitieren: „Ich erinnere mich, als ich noch jung war.“ Diese Erinnerungen umfassen seine frühesten Erlebnisse, sein erstes Erfassen der Kenntnisse als Schüler und seine Eindrücke, die er von seinen Mitschülern und anderen Genossen, wie z. B. von Rab, R. Chanina und dem Vater Mar Samuels, erhielt.1) Viele dieser Erinnerungen sind für die Geschichte der talmudischen Zeit ausserordentlich wertvoll. Ebenso wertvoll für die Geschichte dieser Periode sind seine allgemeinen Mitteilungen über die damaligen ökonomischen Zustände in Palästina, die sich in der Folge ganz verändert haben.2) „Denn verändert hat sich die Welt“, heisst es an einer Stelle, „zu Lebzeiten R. Jochanans“. „Verändert haben sich auch“, so teilt uns R. Jochanan seufzend mit, „die ethische Gesinnung und die Keuschheit, die Einfalt und die Sittsamkeit.“3) Was konnte aber für ihnmehr Gegenstand träumerischer Sehnsucht werden, als die Tugend der Schamhaftigkeit, die sich nur leise kundgibt, aber das Herz des Beschauers dennoch packend ergreift! Und so sehnte sich R. Jochanan unaufhörlich nach einfältiger Hingabe und Liebe, nach unschuldiger Freundschaft beider Geschlechter.4) Mit diesen Eigenschaften schmückt er auch das jüdische Volk und die Helden seiner Agaden, wie Sara und Esther. So vergleicht er das jüdische Volk J) Maasrot 1,2; Megilla 5; Chulin93; 54; Schekalim Perek 2; Pesachim 5,2; Baba Batra 91. 2) Baba Batra 91; Pea 7,3. 3) Baba Batra 91. 4) Schemot rabba 43,8.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.