Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
- Issue
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 40)
- Language
- German
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39 nicht, dass bereits vor 40 Jahren im Berliner Vertrag den rumänischen Juden das Anrecht auf menschliche Behandlung zuerkannt wurde. Der Kenner der Geschichte denkt mit Grausen an die Erfüllung dieses Versprechens. Vielleicht aber dämmert der rumänischen Nation doch ein wenig der Zusammenhang der Weltgeschichte mit dem Weltgericht auf, nachdem sie selbst das den Juden bereitete Schicksal der Vertreibung, des Elends und der Heimatlosigkeit am eigenen Körper erfahren hat. In einer Zeit, wo um das Weltenschicksal gewürfelt wird, kommen Einzelerlebnisse fast nicht mehr zur Erwähnung, wenn diese auch einst eine ganze Welt in Atem gehalten haben. Hierher gehört der Fall Hilsner. Achtzehn Jahre lang hat der arme Leopold Hilsner im finsteren Kerker verbracht, weil man .ihn unter dem Hochdruck der gewissenlosen antisemitischen Agitatoren des Ritualmords verdächtigt hat, ob zwar die Unschuld des armen Menschen für jedermann zweifellos feststand. Die Richter mussten willenlos das unterzeichnen, was der Juden- und Menschenhass ihnen diktierte. Im zwanzigsten Jahrhundert! Mendel Beilis, Moritz Scharf, oder Leopold Hilsner, es sind verschiedene Namen, aber hinter ihnen steht das gleiche alte Verdikt: Der Jude wird verbrannt! So sehen wir überall, wie wir der Gnade Gottes bedürfen, um bei unserer Wanderung durch die Welt uns Luft und Freiheit zu erkämpfen. Wenn wir auch in diesem Jahre in unserem Jahrbuch über das Ergehen unserer Brüder im Osten und in den andern Ländern so wenig berichten und uns diesbezüglich die grösste Zurückhaltung auferlegen, so geschieht es nicht etwa deshalb, weil wir kein Verständnis hätten für ihre gewaltigen äusseren und inneren Erlebnisse in diesen vier für sie zwar abwechslungsreichen, aber leider so traurigen Kriegsjahren, sondern weil es uns vorerst noch nicht möglich ist, uns objektiv und ein-