Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5678 = 1917/18 (1917-1917)
- Issue
- 5678 = 1917/18 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 204 (sequence 205)
- Language
- German
- Belongs to
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204 „Nein“, erzählte der Kleine, „mein Vater war Viehhändler zu Langnau. Weisst Du, wo das ist? Im Bernerland, wo die grossen Berge sind. Die Kuh, die mein Vater dem Hugelbauer verkauft hat, war, meiner Seele gesund, hab’ sie selber alleweil auf die. Weid getrieben und beim Melken zugeschaut. Der Hugelbauer hat sie krank gemacht, weil er sie halt zu viel plagt hat. Er sagte aber, der Vater hätte ihn betrogen. Und da gab’s Streit. Der Bauer schlug mit der Dünggabel auf meinen Vater und traf ins Gehirn. Und da war mein Vater bald tot. Und da war ich ein Waisenkind und kam her und weinte wie Du . . . Nachher lachte ich und freute mich weil hier alles so schön ist und weil es am Samstag Torte mit Heidelbeeren gibt. Und nun standen die Beiden, der Russe und der Schweizer, und tauschten ihre Erlebnisse aus. Langsam lernte auch der erstere wieder lachen. Das laute, helle Kinderlachen kam zwar nicht wieder. Aber auf dem bleichen Gesichtchen spielten jetzt etwas wie Zufriedenheit und Dankbarkeit, namentlich seitdem noch ein Landsmann, der temparamentvolle Kiewer Pogromwaise sich zu ihnen gesellt hatte. Und wenn diese drei in den freien Stunden so lieb und traut beisammen sassen und von der Vergangenheit sprachen, da bildeten die zweiDutzend Kinder einen geschlossenen, andachtsvollen Kreis um sie, da lauschte angestrengt selbst die kleine blonde, sechsjährige Französin, die, nachdem sie in der französischen Heimat auf irgend eine Weise ihre Eltern verloren hatte, vor kurzem hergebracht wurde und noch keine Silbe Deutsch verstand. Heute aber sollten nicht die trüben Bilder der Vergangenheit heraufbeschworen werden. Eine Barmizwohfeier bedeutet ein Fest für die ganze Anstalt.