Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5678 = 1917/18 (1917-1917)
- Issue
- 5678 = 1917/18 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 204)
- Language
- German
- Belongs to
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203 halste und stürmisch küsste, da ballte er seine Fäustchen in bitterem Hass gegen die grosse, kalte, feindliche Welt . . . Dann fing er an in seiner kindlichen Art über die Lebensrätsel zu sinnen, über Gott, Welt und Mensch und deren Verhältnis zueinander. Der bleiche, stille Knabe wurde noch bleicher und stiller. Und eines Tages kam ein fremder Mann, den er nie zuvor gesehen und bat ihn, ihn Onkel zu nennen . . . Unwillig folgte er dem Fremden über die Grenze, über noch eine Grenze, in ein schönes, stattliches Haus, wo er nun unter fremden Menschen, fremden Spielgenossen bleiben sollte. Was wollten all die fremden Gesichter der Kleinen und Grossen um ihn? Sie hatten sicher etwas Böses im Sinn, sie waren ihm alle feindlich gesinnt. Und wieder weinte der Knabe, tobte, lärmte, ballte die Fäuste und wollte dem fremden Hause entfliehen. Aber die Türe führte in einen schönen Garten und dieser war so schön, blühte so duftig und freundlich ... Dann kam der Hausvater, ein grosser, freundlicher Mann und sagte, indem er ihn liebevoll streichelte: „Tob, wirst es gut bei uns haben!“ Der Knabe aber sah ihn trotzig an und schwieg. Die Hausmutter bot ihm Essen an, er gab keine Antwort. Die Kinder liebkosten ihn, er wies sie barsch ab und weinte. Da näherte sich ihm ein kleiner, rotwangiger Knirps und fasste, ihn vertraulich an der Hand: „Ich habe auch so geweint wie Dü!“ Wie heisst Du? Wer bist Du?“ „Ich heisse Bernhard, Benni und bin, wie Du, ein Waisenkind.“ „Haben sie Deinen Vater auch erschossen, weil sie ihm das Geld abnehmen wollten?“