Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5678 = 1917/18 (1917-1917)
- Issue
- 5678 = 1917/18 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 99 (sequence 100)
- Language
- German
- Belongs to
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99 Religion das Wesen des Judentums. Die Religion ist nicht Privat- und Nebensache, sondern Kern- und Hauptsache. Aber allerdings — und das ist die Kluft, welche die Liberalen von den Gesetzestreuen trennt — behandelt und betrachtet der Liberalismus die jüdische Religion als Menschenwerk, das vom „Gesetzesgeber Moses“ für das Altertum geschaffen wurde und das die modernen Epigonen für den Gebrauch der Gegenwart zurecht stutzen dürfen, während es unsere heiligste Ueberzeugung ist, dass die Thora das Wort des lebendigen Gottes ist, erhaben über alle Zeiten und dauernd in Ewigkeit. Mit dem Nationalismus ist dem gesetzestreuen Judentum gemeinsam die Liebe für alles Jüdische, auch für diejenigen Gebote und Yorschriften der Religion, welche die liberale Judenheit als längst veraltet und als unzeitgemäss betrachtet. Dieses wahrhaft konservative Streben der national gesinnten Juden, alles Jüdische zu erhalten und allen religiösen Neuerungen entgegenzutreten, muss von gesetzestreuer Seite rühmend anerkannt werden. Unvergessen wird das energische Auftreten David Wolfsohns, des Nachfolgers von Th. Herzl, gegen die Orgel in Köln und der Kampf der badischen Zionisten gegen das geplante neue jüdische Gebetbuch bleiben, in welchem sie Schulter an Schulter mit den frommen Juden siegten. Dieses wohlwollende Interesse erstreckt sich bei der nationalen Judenheit allerdings auf alle Erzeugnisse des jüdischen Volkes, auf alle Erscheinungen der jüdischen Kultur in gleicher Weise. Das Scheidende bildet hier der Gegensatz in der prinzipiellen Auffassung vom Inhalt des Judentums. Den Gesetzestreuen ist die Thora Alles, dem Nationaljuden eine von vielen Blüten des jüdischen Geistes. Durch die national-jüdische Presse ging einmal der Schlachtruf: „Los vom Ghetto“. Glücklicherweise, hat sich der Zionismus mit dieser Parole nicht identifiziert. Die Rufer