Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5678 = 1917/18 (1917-1917)
- Issue
- 5678 = 1917/18 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 95)
- Language
- German
- Belongs to
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94 allen Glaubenssätzen und Geboten allmählich aus dem Volke heraus entstanden und hat alle Phasen der Entwicklung durchgemacht, deshalb darf und muss sie in anderer Zeit eine andere Gestalt annehmen und darf und muss sich stets den Verhältnissen des Lebens anpassen. Wir wollen uns hier nicht auf eine Kritik und Widerlegung dieser Ansicht einlassen und nur bemerken, dass dann auch jenes Mindestmass des religiösen Gewissens, das der Liberalismus von dem Juden noch fordert, keine Existenzberechtigung mehr hat. Wird es nicht Juden geben, denen das „Schema Iisroel Bekenntnis“ als unzeitgemäss erscheint? Gibt es nicht schon heute liberale Juden, welche die Brismilo als „ barbarisch a verwerfen? Dann bliebe vom Judentum nur der Monotheismus übrig, denn von den Formen der Religion haben vor den Augen unserer Liberalen nur wenige Gnade gefunden und gelten nur noch bis auf weiteres. Aber auch diese Säule, schon geborsten, kann stürzen über Nacht. Wenn die Religion Israels eine Schöpfung vergänglicher Wesen, ein Menschen werk wäre, wie kann man es sich erklären, dass sie sich im Sturm der Zeiten, unter den ungünstigsten Verhältnissen lebensfrisch erhalten hat? Ganz anders ist das Verhalten der national gesinnten Judenheit. Mit dem Abfall von jüdischem Pflichtenleben hatte sich die jüdische Welt den Dank und die Achtung ihrer Mitmenschen nicht erworben. Der Antisemitismus kam trotz und vielleicht sogar wegen der jüdischen Assimilation und gelangte in schnellem Lauf zu grossen Erfolgen. Aber so verabscheuenswert uns Juden mit Recht die auf dem Nährboden des Hasses und Neides emporgewachsene Giftblüte des Antisemitismus erscheint, er glich dem Geiste, der das Böse wollte und das Gute schuf. Viele edle Juden, die dem Judentum entfremdet