Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5678 = 1917/18 (1917-1917)
- Issue
- 5678 = 1917/18 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 94)
- Language
- German
- Belongs to
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93 auf die christliche Umgebung aus dem jüdischen Leben alles entfernt werden, was den Juden vom Nichtjuden unterscheidet. Das Judentum muss „zeitgemäss“ umgestaltet werden. Auf dem Altar des angeblichen Zeitgeistes, der in Wahrheit ein Begriff ist, der sich nicht leicht fassen und umschreiben lässt, wurden zahlreiche jüdische Pflichten der Lebensheiligung geopfert. Man wollte den Mitbürgern in Handel und Wandel im häuslichen und öffentlichen Leben vollkommen gleich stehen und von jeder hemmenden Fessel befreit sein. Es fiel ein Gebot nach dem andern, man kündigte den alten Bündnissen die Treue, man beschnitt die Forderungen der Thora, und führte sie auf ein Mindestmass zurück. Erst nachträglich stellten sich auch wissenschaftliche Wortführer ein, die dieser Gesinnung das Wort redeten, dem Abfall, der sich zuerst in der Praxis vollzogen, die wissenschaftlich klingende Sanktion erteilten und der praktischen auch die theoretische Abkehr von den Grundwahrheiten des Judentums folgen Hessen. Sie erkannten urplötzlich im Reformjudentum das Wiederaufleben des alten prophetischen Judentums und haben diese Hypothese geschichtlich ausgebeutet und diejenigen, welche sich vom Religionsgesetze aus Mangel an Opferfähigkeit emanzipierten — gewiss zum grossen Erstaunen dieser Männer, die sich das Leben leichter machen wollten und sich mit einem Male auf das Piedestal der Propheten gehoben sahen — als die Fortsetzer des alten Prophetenjudentums proklamiert, in welchem der ethische Grundgedanke über das zeremonielle Pflichtenleben vorgeherrscht habe. Der jüdische Liberalismus sieht in unserer Religion ein Erzeugnis der Zeit mit allen ihren Mängeln und Fehlern behaftet, das, wie alles aus der Zeit und für die Zeit entstandene, dem Wandel und der Veränderung unterworfen ist. Die Religion, so lehren sie, ist mit