Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5678 = 1917/18 (1917-1917)
- Issue
- 5678 = 1917/18 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 91)
- Language
- German
- Belongs to
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90 als schwerer Irrtum. Von Liebe fdr das jüdische Volk war niemand erfüllt Die Welt hatte sich für die allgemeinen Menschenrechte begeistert, und man konnte diese den unglücklichen Juden nicht vorenthalten, ohne das Odium der Halbheit und Inkonsequenz auf sich zu laden. Aber der Judenhass und die Antipathie gegen das jüdische Volk wurden auch in die neue Zeit mit hinübergenommen. Leiden und ewige Verkennung sind nun einmal das Erbteil unseres Stammes und mit unserem Golus untrennbar verbunden. In allen Ländern sehen wir deshalb als Reaktion gegen die Gleichberechtigung der Juden den Antisemitismus auftauchen. Unterstützt wird er durch das allgemein menschliche Unvermögen, vom Konkreten sich loszumachen und zu abstrahieren, dadurch, dass die nicht jüdische Welt nun einmal die Judenheit und nicht, wie es für eine gerechte Beurteilung erforderlich wäre, das Judentum, in ihren Betrachtungskreis zieht. Der Antisemitismus brachte weitere jüdische Kreise zur Selbstbesinnung und schuf die Grundlage für die mächtige, jüdische nationale Bewegung, den Zionismus, der namentlich in den Ländern tiefe Wurzeln schlagen konnte, wo es den antisemitischen Hetzern gelang, ihre judenfeindliche Gesinnung auch auf das öffentliche Leben zu übertragen und zwischen der Gleichberechtigung in der Theorie und derjenigen in der Praxis eine gähnende Kluft zu schaffen. Dass der Zionismus im letzten Jahrzehnt so machtvoll emporgewachsen ist, kam wohl daher, weil in dieser Zeit die chauvinistischen und übertriebenen nationalen Bestrebungen bei den umgebenden Völkern auf blühten, die sich als Reaktion gegen den kosmopolitischen Gedanken aus der Zeit der Romantik und gegen den Universalismus des vergangenen Jahrhunderts einstellten