Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5678 = 1917/18 (1917-1917)
- Issue
- 5678 = 1917/18 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 90)
- Language
- German
- Belongs to
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89 entfernten, alles Scheidende und Trennende, das sie als Juden kennzeichnete, sorgfältig' beseitigten, damit man in ihnen nur den modernen Bürger und den zivilisierten Menschen, jedoch um keinen Preis den Juden erkenne. Freiwillig verzichteten sie auf alle Sonderrechte, selbst dort, wo sie ihnen vom Staate verfassungsgemäss zur gewissenhaften Erfüllung ihrer Religion gerne gewährt worden waren. Selbst heute, wo man längst erkannt hat, dass dieses Streben von der christlichen Umgebung als „Kriecherei“ und unwürdiges Anbiedern betrachtet wird, herrscht diese Gesinnung noch in weiten Kreisen vor. Aus diesen Gedanken heraus haben wir uns auch das Bedürfnis nach Reformen zu erklären, von dem das verflossene Jahrhundert beseelt war. Man wollte auch im Gebetshause das spezifischjüdische möglichst beseitigen. Der jüdische Gottesdienst sollte dem christlichen ähnlich werden, die Synagoge der Kirche gleichen! Hiemit Hand in Hand ging das allmähliche Abstreifen der jüdischen Religionsvorschriften. Die Jüdischkeit, die Beobachtung der religiösen Gebote wurde zuerst in das Haus gebannt. Draussen im Leben wollte man sein Judentum nicht zeigen und betätigen. Bald aber empfand man dieses Doppelleben als eine Art Heuchelei und Selbstbetrug und auch das Leben im Hause wrurde dem öffentlichen Auftreten angepasst. Mehr und mehr wurde der Jude zurückgedrängt, und der Staatsbürger jüdischen Glaubens, aber nicht jüdischer Tat, trat in den Vordergrund. Glaubten die Juden, dass sie nun von ihrer Umgebung wirklich als gleichberechtigte Bürger und ebenbürtige Menschen angesehen werden würden und dass man die Emanzipation aus Freundschaft und Liebe ihnen geschenkt habe, so erwies sich diese Beurteilung hier früher, dort später, hier schwächer, dort stärker,