Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5678 = 1917/18 (1917-1917)
- Issue
- 5678 = 1917/18 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 89)
- Language
- German
- Belongs to
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mern, allmählich wird es ihr aber gelingen, den neuartigen Lebensbedingungen sich anzupassen, und indem sie dem Druck des Steines ausweicht, seitlich und über demselben als ein kräftiger Organismus emporzuspriessen und weiter zu gedeihen. Dieses Bild ungefähr bietet die jüdische Geschichte seit der Emanzipation. Unvermittelt und ohne jede Uebergangszeit kam die wuchtige Tatsache der Gleichberechtigung über die Juden. Die Bewegungen, die nunmehr entstanden, waren keineswegs die Fortsetzung des alten jüdischen Volkslebens, sondern waren abnorme Bildungen, denen kein starkes Wachstum beschieden sein konnte. Sie trieben eine zeitlang, wuchsen empor, starben aber bald wieder ab, und tragen, wo sie heute noch vorhanden sind, doch unleugbar die Zeichen des Verfalles auf der Stirn. Langsam hat sich aber unter den neuen Lebensbedingungen ein kräftiger Spross aus der Pflanze entwickelt, der zäh und stark die Hindernisse, welche die moderne Zeit seinem Wachstum entgegengestellt, überwunden, und sich ihnen angepasst hat, und den wir als echten Nachkommen der im Ghetto ehemals eingeschlossenen Judenheit ansprechen können. Ein Umstand besonders, der auf einer jüdischen Eigenart beruht, machte die Emanzipation zu einer schweren Gefahr für die Erhaltung der jüdischen Eigenart. Während manchmal der Skeptiker meinen könnte, das Dankgefühl sei aus der Welt verschwunden, da jedes Volk nur die Rücksicht auf sein Interesse zu kennen scheint und alle sentimentalen Regungen ausgeschaltet werden, haben wir Juden uns stets als dankbar erwiesen. Dankbarkeit erfüllte auch unsere Väter, aufrichtige Dankbarkeit für die Wirtsvölker, die sie nunmehr als ebenbürtige Menschen betrachteten. Diese Dankesschuld meinten viele nicht besser abtragen zu können, als indem sie alles charakterisch Jüdische aus ihrem Leben