Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5678 = 1917/18 (1917-1917)
- Issue
- 5678 = 1917/18 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
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86 Wohl des jüdischen Volkes und in ihrer Arbeit für sein Glück. Werfen wir einen Blick auf die geschichtliche Entwicklung des verflossenen Jahrhunderts, so werden wir mit Leichtigkeit erkennen, dass diese zeitgenössische Dreigliederung eine geschichtliche Erscheinung darstellt, die mit Notwendigkeit als Folge jenes gewaltigsten Ereignisses eintreten musste, das auf die Gestaltung der Geschichte unseres Volkes seit der Zerstörung des Tempels und seit dem Beginn des Goluslebens am stärksten eingewirkt hat, ich meine die Emanzipation. Die bürgerliche Gleichberechtigung, die in Westeuropa und in den überseeischen Ländern im vergangenen Jahrhundert den Juden überall gewährt wurde, stellte sie vor eine Aufgabe, die sie in ihrer ganzen Grösse nicht erkannten und deren Tragweite und ausserordentliche Schwierigkeit sie damals, als sie mitten in den Ereignissen standen, gar nicht erkennen konnten, vor die Aufgabe nämlich, vollberechtigte Bürger des modernen Staates und zugleich Juden im Sinne und Geiste ihrer frommen Väter zu sein. Bisher waren die Juden gewohnt, sich in ihren Wohnländern als Fremde zu fühlen Das öffentliche Leben war ihnen verschlossen, Erwerb von Grund und Boden versagt, das Handwerk verboten, in ihren Wohnsitzen waren sie nur geduldet. Nun trat durch die bürgerliche Gleichberechtigung ein neuer Pflichtenkreis zu den anderen Anforderungen des Judentums hinzu. Die neuen Pflichten rückten in den Vordergrund und verdrängten die alten, die bald als veraltet galten. Denn wenn es auch unbestritten feststeht, dass die jüdische Religion nach ihrem Lehrinhalt sowohl wie nach ihrem Ideenkreis, nach ihren Idealen, wie nach ihrer praktischen Betätigung sich mit jeder Form der menschlichen Vergesellschaftung, mit jeder auf dem Monotheismus aufgebauten Kultur vereinigen lässt,