Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5678 = 1917/18 (1917-1917)
- Issue
- 5678 = 1917/18 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 77)
- Language
- German
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76 hauptet, der Mensch sei von Hause aus ein friedfertiges, friedliebendes, zum Unterschiede von andern Lebewesen, gut geartetes Lebensgeschöpf. Der Krieg sei seiner Wesensart zuwider, die Kriegsbegeisterung eine künstliche Züchtung und der sogenannte Kriegssinn eine seelische Entartung. Die andere Theorie lehrt gerade das Gegenteil. Nach dieser wohnen in dem Menschen Kriegsinstinkte, die, will er Ruhe und Frieden, von ihm niedergehalten, niedergekämpft, überwältigt und überwunden werden müssen. Nach dieser Theorie sei der Mensch von Hause aus, seiner seelischen Beschaffenheit nach, — ein Wolf. Dass zwei Theorien, beide eine und dieselbe Wahrheit suchend, beide gleich wissenschaftlich vorgehend, zu solch einander sich ausschliessenden Resultaten gelangen konnten, liegt daran, dass jede der bei den einen andern Gesichtspunkt genommen, von dem ihre Forschung ausging. Die erstere Theorie geht vom psychologisch-individualistischen Standpunkte aus. Sie beobachtet die Seelenbeschaffenheit des einzelnen Menschen, sammelt Erfahrungen nach dieser Richtung, summiert die gleichen zu einer Gruppe, die andern zu einer andern, und da stellt sich heraus, dass die meisten Menschen gut geartet, friedliebend seien. Entartungen, die immer Vorkommen, bilden darnach die Ausnahme der Regel und nicht die Regel. Dieser psychologischindividualistischen Theorie steht die biologisch-evolutionistische gegenüber. Diese betrachtet die Menschenseele ihrem Ursprünge nach. Nicht der einzelne Mensch wird beobachtet, sondern die Gattung wird in Betracht gezogen. Die Gattung Mensch wird allen andern Lebewesen zum Vergleich gegenüber gestellt und das gibt ein ganz anderes Resultat. Der Mensch ist ein fühlendes, begehrendes, denkendes Lebewesen. Auch die andern fühlen, begehren und denken. Aber dieser Aehn- Jichkeit aller Lebewesen, die gerade die vorausgesetzten