Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5678 = 1917/18 (1917-1917)
- Issue
- 5678 = 1917/18 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 76)
- Language
- German
- Belongs to
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75 deutet, hat er die vorgeschriebene Richtung seiner Anschauung. «Diese Deutung kann er heute — da ein anderer Wind weht — nicht zurücknehmen, ohne seiner Autorität zu schaden. Ein anderes Auskunftsmittel muss in die Schranken; die Unterscheidung vom alten und neuen Testament. Das neue Testament, so wird behauptet, bedeute einen Fortschritt dem alten gegenüber. Erst das neue Testament habe das grosse Wort: „Friede auf Erden“ geprägt; die Nächstenliebe würde dort erst verkündet. Die Anhänger des alten Testaments huldigen einer inhumanen, die des neuen einer humanen Lebensanschauung. Dort wurde dem Kriege, hier dem Frieden das Wort gesprochen. Es ziemt sich nicht, hier an dieser Stelle diese Unterscheidung zwischen altem und neuem Testament zu besprechen und dieselbe auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Auch wollen wir uns nicht auf die Zurückweisung eines Vorwurfes einlassen, der durch eine willkürliche, die gegebenen Umstände ganz ausser acht lassende, aus dem Zusammenhang herausgerissene Bibelerklärung genommen wird. Was in dieser Richtung schon gesündigt wurde, gehört vor das Tribunal der Fachgelehrten. Sie mögen urteilen und richten. Was aber der breiten Oeffentlichkeit gesagt werden muss, ist, dass der jüdische, auf alttestamentarische Lebensanschauung aufgebaute Friedensbegriff in seiner Grösse, Tiefe und Erhabenheit alles das überragt, was von den „Modernen“ über „Friede“ gesagt, geschrieben und verhandelt wurde. Der jüdische Friedensbegriff kulminiert in dem einzigen, aber inhaltsschweren Satze: Der Friede ist eine Lebensaufgabe. Was heisst und was bedeutet aber der Friede als Lebensaufgabe? Ueber die menschliche Natur in Beziehung zum Frieden sind zwei Theorien in Umlauf. Die eine be-