Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5678 = 1917/18 (1917-1917)
- Issue
- 5678 = 1917/18 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 75)
- Language
- German
- Belongs to
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74 rückstehen. Auch er musste dem Kriege ein Loblied anstimmen; und er tat es. Den Text hiezu entnahm, er seinem Wissensgebiete, der Bibel. Dass er diesen Text sich erst gefügig machenihn zurechtstutzen und seinem Interesse anpassen musste, diese Arbeit fiel ihm nicht schwer. Dazu gehört Uebung, und diese hat der bibelschürfende Theologe. Ein Stück wird aus dem Zusammenhänge gerissen, ein wenig zugesetzt, ein wenig fortgelassen; darauf eine schwungvoll patriotische Tirade, und der Kriegsartikel, die Broschüre, ein Büchlein sogar ist fertig und beglückt die Welt um eine neue Erfahrung. Die Zeiten ändern sich. Drei Jahre Kriegswüten ist lange genug, um eine in Taumel versunkene Menschheit zur Besinnung zu bringen. Je länger der Krieg dauert, desto mehr nimmt die Begeisterung für denselben ab. Sie geht progressiv; im Volke sowohl, wie an der Front verloren. Heute spricht man von nichts anderem mit grösserem Interesse und mit stärkerer Sehnsucht, als vom Frieden. Diese Gesinnungsänderung ist den Berufsschreibern nicht entgangen, sie ist Grund genug, auch ihren Kurs zu ändern und die Schreiberei in andere Bahnen zu lenken. Anstatt vom Krieg und dessen Verherrlichung, wird jetzt vom Frieden und seinem Segen geschrieben. Es werden Friedensaussichten ventiliert, Friedenspläne gemacht, Friedensbedingungen gestellt. Dass zwischen der schmetternden Kriegsposaune von früher und der Friedensschalmei von jetzt ein schreiender Widerspruch klafft, merken die wenigsten. Gleissende Journalistik hat ihn überbrückt, oder fein gesponnene Dialektik ihn ausgeglichen. Was aber so dem Diplomaten, dem Juristen, dem Logiker und all denen gelingt, denen das Wort williges Werkzeug ihrer Wünsche ist, will dem Theologen nicht so leicht glücken. In der Bibel, wie er sie gestern ge-