Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5677 = 1916/17 (1916-1916)
- Issue
- 5677 = 1916/17 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 188 (sequence 189)
- Language
- German
- Belongs to
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188 lief eilig durch die Strassen der grossen Stadt B., in den vor Kälte erstarrten Händen ein Päckchen haltend. Es trat in einer engen Gasse in eines der grossen Häuser ein und stieg keuchend fünf Treppen hinauf. Dort trat es in ein Dachkämmerchen, welches ein trauriges Bild des Elends bot. „Hier, Mütterchen, bringe ich die Kerzen! Wohin stecken wir sie nur? Unsern schönen silbernen Chanuka- Leuchter haben wir ja verkaufen müssen!“ Die Mutter des Kindes, eine blasse, durch Not und Elend frühzeitig gealterte Frau, seufzte und sprach: „Wir nehmen ein Scheitchen Holz und stecken sie darauf“ Frau Rosenstock hatte einst bessere Tage gesehen. Wohlhabenden Eltern entstammend, hatte sie sich glücklich verheiratet. Ihr Gatte, der von seinen Eltern in einer Provinzstadt ein solides Bankgeschäft geerbt hatte, war, von der Sucht, rasch reich zu werden, befallen, nach der Hauptstadt gezogen, hatte dort in kurzer Zeit an der Börse sein ganzes Vermögen verloren und war aus Gram darüber erkrankt und gestorben, seine Frau und deren Töchterchen hilflos zurücklassend. Auch die Eltern der Frau Rosenstock waren rasch nacheinander gestorben und die Erbschaft reichte kaum hin, die Schulden zu decken, welche die unglückliche Witwe für ihren Gatten zu zahlen sich verpflichtet fühlte. Frau Karoline Rosenstock war in allen weiblichen Handarbeiten wohl erfahren, und so versuchte sie es, sich und ihr Kind durch ihrer Hände Fleiss zu ernähren, ohne die Hilfe wohltätiger Menschen in Anspruch zu nehmen. Das hatte sie denn auch jahrelang, zwar unter Kummer und Sorge, glücklich fertig gebracht. Schon war die kleine Mathilde so weit herangewachsen, dass die Mutter hoffen durfte, in ihr bald eine Stütze zu finden. Die letzten Ueberreste ihres ehemaligen