Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5677 = 1916/17 (1916-1916)
- Issue
- 5677 = 1916/17 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 128 (sequence 129)
- Language
- German
- Belongs to
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128 dass es ihr Geiste ihre Seele ist, die dort in den Lagern, fern der Heimat und abgeschnitten von der gewohnten Beschäftigung, gerade in der Zeit körperlicher Ruhe, nach stärkender Nahrung verlangt. In der deprimierenden Stimmung jener Lager haben die Gefangenen mit einem gefährlichen Feind zu kämpfen, den sie zuvor nicht gekannt, der Verzweiflung. Da wurde im Frühjahr 1915 der „Rote Mögen David“ in der Schweiz gegründet, der sich die Aufgabe stellte, die in irgend einer Form zutage tretenden religiösen Bedürfnisse jüdischer Kriegsgefangener und Internierter zu befriedigen. Ueber die einzelnen Aufgaben, die sich diese Organisation gestellt hat, sowie über deren bisherige Tätigkeit wird an anderer Stelle dieses Jahrbuches von hiezu berufener Seite berichtet. Doch nicht nur Linderung der so mannigfaltig sich äussernden körperlichen und seelischen Schmerzen wurden von den Juden in der Schweiz gefordert. Darüber hinaus harrten ihrer noch wichtigere und grössere Aufgaben, die gerade an sie als die Bewohner eines neutralen Staates herantraten. Vor allem galt es der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen. Als die zweifellos von antisemitischem Geiste getragenen, rigoros ausgeführten Ausweisungsdekrete in Russisch-Polen, Litauen und Kurland, hunderttausende Juden an den Wanderstab, allzu viele von ihnen an den Bettelstab brachten und namenloses Leid über unsere Brüder im Osten hereinbrach, da galt es über diese Vorkommnisse die Oeffentlichkeit, vor allem in Frankreich und England, aufzuklären. Denn obwohl in den bekannten Dumaverhandlungen vom August und September 1915 die Bedrückungen, denen die Juden in Russland ausgesetzt waren, ans Tageslicht gezogen wurden, so wusste man durch eine geschickte Nachrichtenverbreitung die Aufmerksamkeit von diesen Tat-