Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5677 = 1916/17 (1916-1916)
- Issue
- 5677 = 1916/17 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 88)
- Language
- German
- Belongs to
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87 Das Friedensideal in unserer Tefilloh. Seit dem Wüten dieses furchtbaren, Menschenleben und Menschenglück in noch nie gesehenem Masse zerstörenden Weltbrandes liess ich, die Schreckensszenen zurückdrängend, wiederholt schon vor meinem geistigen Auge ein eindrucksvolles, sympathisches Bild auftauchen. Ich versetze mich da in eine altjüdische Gemeinde, nicht gerade eine sogenannte altmodische Gemeinde, in der die frommen Glaubensgenossen ihre alten Sitten und Gewohnheiten in der ursprünglichen, unverfälschten Art beibehalten, sondern eine Stadt, wo die frommen Juden ihrem jüdischen Leben einen modernen Anstrich zu geben verstehen und jüdische Sitte und moderne Bildung, wie überhaupt תודה und לרך ארץ in harmonischer Weise zu vereinigen wissen. Hier stehe ich auf dem stark belebten Marktplatze und beobachte das geschäftige Leben und Treiben der Handelswelt, in der unsere Glaubensbrüder stark vertreten sind. Eine kleine erfreuliche Episode fesselt meine Aufmerksamkeit. Zwei Männer begegnen sich; sie sind offenbar gut befreundet und haben sich schon längere Zeit nicht mehr gesehen; denn mit lebhaft-freudiger Geberde schütteln sie sich kräftig die Hände mit dem Grusse: שלום עליכם — Welcher Jude, selbst wenn er die jüdischen Sitten und Gewohnheiten grösstenteils zum ״alten Eisen“ geworfen hat, wird nicht — insofern er noch das ״jüdische Herz“ besitzt — angenehm berührt, wenn er diesen schönen, altjüdischen Gruss vernimmt? — Liegt doch in diesem Ü^V-Gruss eine Fülle bester Segenswünsche. Denn שלום bedeutet nicht nur Frieden, sondern auch Wohl־ ergehen, Behaglichkeit, Gesundheit, Sicherheit, äussere und innere Ruhe — also Vollkommenheit, Ganzheit, Frieden mit der Aussenwelt und Frieden mit sich selbst,