Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5677 = 1916/17 (1916-1916)
- Issue
- 5677 = 1916/17 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 80)
- Language
- German
- Belongs to
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79 Westen nach Osten kamen sie noch schwerer, selbst nur zum provisorischen Aufenthalte. Es blieb den Massen nichts anderes übrig, als dort zu bleiben, wo sie geboren waren; die Tatsache, dass eine Vermischung der Juden von hüben und drüben ausgeschlossen war, bewirkte, dass man für die gegenseitigen Eigenheiten, Vorzüge und Fehler sich gar nicht, oder nur wenig interessierte. Nur über eine Sache pflegte man einen häufigen genauen Gedankenaustausch, und das war: das gemeinsame, allen heilige und alle einigende, uralte Gesamtjudentum. Jetzt war das anders geworden. Die Juden von hüben und drüben kamen durch den ungehinderten Verkehr einander näher und die gegenseitigen Berührungspunkte stiegen ins Zahllose. Man begann sich näher und genauer zu betrachten und nun geschah etwas ganz Unerwartetes: All die Dinge, die von der Ferne minimal, winzig und unbedeutend erschienen waren, nahmen an Grösse und an Wichtigkeit zu, je mehr sie dem Auge des Betrachtenden sich näherten; ja, es kam sogar soweit, dass tatsächliche Kleinigkeiten übertrieben wurden, weil sie das Auge des Schauenden verdeckten, denn bekanntlich erscheint ein Dorn dem eigenen Auge immer als Balken. Und nun tauchte das alte Schreckgespenst des sog. „polnischen Juden“, in der modernen, elektrischen Beleuchtung vielmals vergrössert und verstärkt, vor dem betrachtenden Auge des Westeuropäers, des Deutschen, des deutschen Juden auf. Die neue Erscheinung musste einen Namen erhalten und sie wurde als „Ostjude“ bezeichnet, weil dieser Name viel allgemeiner und daher auch moderner klang. Diesem „Ostjuden“ wurde nun in der Form von objektiv scheinenden Artikeln alles Ueble und Schlechte laut, fast mit einem Gebrülle nachgesagt, was man früher nur im Stillen und ver-