Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5677 = 1916/17 (1916-1916)
- Issue
- 5677 = 1916/17 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 79)
- Language
- German
- Belongs to
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78 worden, und so sind jetzt die Juden zu den grössten passiven Leidtragenden dieses Krieges geworden. Aber wann hätten in unserer vieltausendjährigen Geschichte die Leiden der einzelnen das Judentum beeinflusst, dieses geändert oder gar zu spalten vermocht! Nein, der Krieg hat mit dem Judentume nichts zu tun; nur Unkenntnis oder unaufrichtige Gesinnung kann zwischen jener Ursache und einer solchen Wirkung eine Verbindung konstruieren. Nun hat eine der vielen Folgen des Krieges innerhalb der Juden noch Erscheinungen geschaffen, die verschiedene Momente des jüdischen Privatlebens in ein stärkeres Licht brachten, sozusagen mit elektrischen Scheinwerfern beleuchteten; und von diesem Lichte geblendet, von den sich darbietenden Bildern überrascht, glaubten viele eine Ritze im Judentum erblickt zu haben, die eine Spaltung veranlassen könnte oder sie gar schon herbeigeführt hätte. Der Krieg hat überall die Grenzhäuschen zwischen den kriegführenden Staaten abgeschafft und an deren Stelle Barrieren von Eisen und Feuer, von Menschen und Schützengräben hingestellt. So sind die jetzigen Schützengräben weit nach Osten den zwischenstaatlichen Grenzen vorgeschoben, und in diesem Raume liegen jetzt Russisch-Polen und ein grosser Teil des russischen Ansiedlungsrayons für Juden, ebenso wie im Westen Belgien und Nordfrankreich jetzt dazwischen liegen. Das Gros der Juden trennen derzeit keine Grenzhindernisse von den deutschen Juden, von der deutschen Bevölkerung, von den Völkern Zentraleuropas im allgemeinen, im Gegensätze zu der Zeit vor dem Kriege, wo die Verhältnisse ganz anders waren. Früher kamen nämlich die Juden sehr schwer vom Osten nach dem Westen, wenn sie politische Erfolge oder wirtschaftliche Expansionen herbeisehnten; von