Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5677 = 1916/17 (1916-1916)
- Issue
- 5677 = 1916/17 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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70 selben Grunde wollen die Moralpädagogen jede moralische Belehrung an das tatsächliche Leben der Kinder und an ihren ihnen verständlichen Vorstellungskreis angeknüpft wissen. Auf diese Weise allein könne man ethische Begriffe ihnen deutlich machen und sie dazu bringen, nach ihnen zu handeln und ihren Charakter nach ihnen zu formen. Nehmen wir als Beispiel die Selbstbeherrschung: Eine Dekretierung: ״Du sollst dich beherrschen können, sollst Herr deiner Leidenschaften sein“, gleitet spurlos an den Kindern ab. Knüpft man dagegen an das in jedem Kinde vorhandene Gefühl der Kraft an und an die Freude, die jede Aeusserung dieser Kraft auslöst, so kann man dem Kinde leicht zeigen, dass mehr Kraft dazu gehört, den Schlag zurückzuhalten, wenn die Wut dazu drängt, auf einen Menschen oder eine Sache einzuschlagen, als ihn auszuführen. So werden die Kinder begreifen lernen, dass die Selbst- Beherrschung eine Kraft ist, die sie in sich erwecken können und sie werden sie erwecken eben aus Freude an der Kraft. Auf diese Weise wird der rohe Naturtrieb umgewandelt in ein moralisches Wollen. In ähnlicher Weise lassen sich alle sittlichen Forderungen anknüpfen an das eigene Leben und Fühlen des Kindes. Es existiert hierüber bereits eine grosse, sehr lesenswerte Literatur. Sehen wir nun, wie es sich mit der Lehrbarkeit des Judentums, der jüdischen Religion, verhält. Nichts von abstrakten Begriffen und Glaubenssätzen. חנוך, der jüdische Ausdruck für ״erziehen“, heisst einüben einweihen. Das Judeutum ist ganz eine Religion de Tat, und seit dem Gelöbnis des נעשה ונשמה am Sina geht ihm immer die Praxis vor der Theorie voraus. Ja nach dem tiefen Wort der Weisen zu Psalm 111, Vers 1( שבל טוב לכל עשהם erschliesst sich der tiefere Sini der מצות nur dem, der sie erfüllt. Das Wesentlichst