Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5677 = 1916/17 (1916-1916)
- Issue
- 5677 = 1916/17 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3135693-3135694--0038-3135760- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
36 Kaddisch. i. Vor mehreren Jahren, als ich just die Synagogentüre öffnete, trat ein junger, elegant gekleideter Herr auf mich zu und redete mich also an: „Sie sind der Kultusbeamte? Ich hätte eine Bitte: Ich traure um meinen sei. Vater, könnte ich einmal Kaddisch sagen?“ „Dazu haben Sie täglich dreimal Gelegenheit, wenn Sie die Güte haben wollen, sich zu den Gebetszeiten einzufinden.“ „Leider ist mir dies unmöglich, ich bin Schauspieler und jeden Abend auf der Bühne tätig. Tagsüber bin ich häufig in den Proben beschäftigt- Aber, da fällt mir ein, am nächsten Freitag wird der ,FideIe Bauer“ gespielt, da komme ich erst im zweiten Akt dran, könnte ich rasch herkommen?“ Und er kam wirklich. Als es Zeit war zum Kaddisch der Trauernden, ertönt es von den Lippen des Bühnenkünstlers: „Jisgadal vejiskadasch.“ Schnell verschwindet er, ich meine den Bühnenkünstler, und eine Viertelstunde später präsentiert er sich beim „Fidelen Bauer“. Wäre der Vater noch am Leben, er könnte nicht sagen, wie der fidele Bauer: „Er schämt sich meiner.“ Der Sohn schämt sich nicht und sagt seinen Kaddisch. Ein zweiter Fall aus meiner beruflichen Erfahrung: Er betrifft einen Ingenieur, vielbeschäftigt. Die ganze Woche über gibt’s viel zu tun. Am Ausgang des Sabbats aber, in den späten Sommerabenden ist er frei und da kommt er pünktlich auf die Minute, vor der Synagogentüre legt er die Havanna, die ihm die Sabbatwonne vermittelte, weg, und nun beginnt sein Bekenntnis für das Judentum der Havdolo-Kerze im-Kaddisch. Das Judentum des betr. Herrn ist längst gestorben, sein Vater vor kurzem. Darum sagt er Kaddisch.