Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5677 = 1916/17 (1916-1916)
- Issue
- 5677 = 1916/17 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 25 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3135693-3135694--0027-3135749- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
25 aus der jüdischen Geschichte. Durch die von den Kund־, schaftern veranlasste Empörung hatten unsere Väter den Einzug in das heilige Land verscherzt. Das ganze damalige Geschlecht musste in der Wüste sterben. Nur die Kinder, von denen sie geglaubt, sie würden eine Beute der Feinde werden, durften in das gelobte Land kommen. Vierzig Jahre zog das jüdische Volk durch die Wüste. Am 9. Av eines jeden Jahres, dem Tage ihrer Versündigung, starb ein Teil des Volkes. Als Zeichen ihrer Bussfertigkeit (ב׳ב קכ׳ן-ז) musste sich während der Wüstenwanderung jeder an diesem Tage selbst ein Grab schaufeln. Wenn dann am nächsten Morgen Schofarruf mächtig durch das Lager ertönte, standen die einen auf, frisch gestärkt zu neuem Leben, die andern erhoben sich nicht mehr. Sie schliefen den Schlaf, aus dem es auf Erden kein Erwachen gibt; und weinend und trauernd schaufelten die Angehörigen das Grab zu, das sich die Lebenden selbst bereitet. Welch herzzerreissendeSzenen müssen sich an einem solchen neunten Aw abgespielt haben. Da gruben nebeneinander zwei Brüder sich ein Grab, und wie einer dem andern in die treuen Augen blickte, dachten sie daran, dass sie morgen vielleicht einander nicht mehr Wiedersehen und durch den Tod getrennt sein würden. Und mit welchen Gefühlen umfingen sich Gatte und Gattin bei dem Gedanken, dass sie vielleicht zum letztenmal beieinander weilten, und wie flössen ihre Tränen, wenn sie auf ihre noch unerzogenen Kinder blickten, die schon am nächsten Tage vater- oder mutterlos sein konnten, während sie der Leitung und Erziehung noch so sehr bedurften! Begreifen wir riun, dass ein Beben durch das Volk ging, als es dieser traurigen Periode aus seiner Geschichte gedachte, die damals jedem einzelnen weit besser bekannt und viel geläufiger war, als in unsern Tagen, dass es erschüttert wurde durch