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Israelitische Annalen · 1841-12-10 · Heft 50 (10.12.1841) · p. Seite 394

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1841
Issue
Heft 50 (10.12.1841)
Date
1841-12-10
Page
Seite 394 (sequence 2)
Language
German
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394 theilen, die ja auch in vielen andern Verhältnissen -noch jetzt nicht verschwunden sind, und die erleuchtetsten Geister beherrschen? Warum nicht in der entsetzlichen Verblendung, worin das Volk in Betreff der Juden gleichsam erzogen wird, indem man schon der Kindheit falsche Begriffe einpflanzt? Was haben alle diese Gründe mit der Religion gemein? Und wie kann die Religion der wahre Grund sein, wenn eben dieselbe Religion in Frankreich, Holland, Belgien, England, Nordamerika, Hessen, und in den wichtigsten Punkten auch in Preußen, Würtemberg, Baden und vielen kleinen Staaten der Ertheilung völliger oder theilweiscr Rechtsgleichheit nicht hinderlich war? Noch sind hie und da Wünsche unerfüllt geblieben! Nun hat denn etwa die Legislatur irgend eines Staates, bei aller Intelligenz unsrer Zeit, cs vermocht, die übrigen Wünsche sämmrlich zu befriedigen? Sind etwa alle Stellungen sonst frei von jeder Anomalie? Und haben alle noch bestehenden Anomalien ihren Grund in den resp. Rcligionsverfassungen? — Gesetzt aber, es träfen diese Anomalien bloß das Judenthum, müßte deßhalb der Grund nur in deren Rcligionsverfassung liegen? Was würde man wohl sagen, wenn auf gleiche Weise erörtert würde, weßhalb die Protestanten in manchen katholischen und die Katholiken in manchen protestantischen Staaten, und die Secten in beiden, und alle christlichen Bekenntnisse m moslemischen und buddhistischen und chinesischen Ländern tausendderlei Zurücksetzungen erleiden müssen, ungeachtet schützende Mächte und allerlei Concordate ihnen zur Seite stehen? Wohin würden wir mit allen solchen Trugschlüssen gelangen? Der Verfasser des Bekenntnisses will gern seinen Schritt rechtfertigen, das konnte er vollständig thun, indem er zeigte, daß ihm das Judenthum in seiner gegenwärtigen Verfassung keine Befriedigung gewahrt; aber das Unrecht der Zeit wird durch diese Mißstände keinesweges gerechtfertigt, und er selbst frevelt gegen seine eigene, vorher selbst ausgesprochene Ueberzeugung, wenn er demselben Scheingründe unterschiebt. Wahr ist, was er sagt, daß die Religionsverfassung, das heißt die kirchliche Einrichtung des Judenthums, dessen inneres Bekenntniß — mit Ausnahme einiger christlichen Dogmen, deren größter Theil in der christlichen Kirche hundertfach bestritten wird — mit dem Christenthum gleich ist, durch die politischen Veränderungen sich in einem Dilemma befindet, aus welchem sie sich historisch regeneriren muß, und folglich bis das geschehen, mancherlei anomale Zustande darbietet. Was folgt daraus? Nichts weiter, als daß die Legislatur derselben nachzuhelfen habe, damit die Verlegenheiten allmählich aufhören. Ganz gut bezeichnet der Verfasser des Bekenntnisses den Zwiespalt, den die Verhältnisse bewirkt haben, daß „die Synagoge von der Emanzipation absteht und den Blick nach Jerusalem richtet, der Tempel hingegen von Jerusalem absicht und den Blick nach der Emanzipation richtet!" Da ist also ein Charakter ausgesprochen! Die Staaten wissen hiernach, was ihnen frommt. Wie paßt nun hierauf: „So finden wir die Religion des Moses heut zu Tage in einen flachen Deismus umgeftaltet!" Welche Veränderung erleidet der Begriff von Gott durch den Wunsch der Einen, ihren alten Staat wieder hergestellt zu sehen, oder der Andern, in ihrem Gcburtslandc sich zu tüchtigen, nützlichen, dem Staate förderlichen Bürgern zu erheben? Und was ist das abgedroschene: flacher Deismus? Worin besteht die Seichtheit eines vollständigen Glaubens an Gott, den Schöpfer aller Dinge, wie die Bibel ihn lehrt, nur mit Milderung der orientalischen Bilder, die in occidcntalischer Sprache leicht mißverstanden werden? Es ist ein falsches Spiel, das die Schriftsteller mit Worten treiben, um das Heiligste herabzuwürdigcn, wenn sie vom Deismus also reden. Wer sich aber recht überführen will, zu welchem Unsinn ein solcher Angriff führt, der lese Seite 15 — 19 des „Bekenntnisses," wo der Verfasser in einem Athem loszicht gegen die Gesetzgläubigkeit, während er selbst wieder die Göttlichkeit der mosaischen Gesetze einräumt, um eben dem flachen Deismus zu entgehen. Bald ist ihm der Mosaist, bald der Thalmudift, bald der Freidcnkende ein flacher Deist, — alles um nur diesem Worte Gewicht zu geben. Am Ende giebt er selbst nichts anderes, als was er verworfen hat. — Die ärgste Land-Plage Deutschlands war in den letzten Decennien dieser Ausdruck, den die verschiedensten Religionsbekenntnisse einander zum Vorwurf machen. Was dabei tröstet, ist also die Gesellschaft.

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