Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 49 (3.12.1841)
- Date
- 1841-12-03
- Page
- Seite 388 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3133765-3133874-3133924--1410-3135656- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
388 dem die Polizei Pässe fordert, und die Spukgeifter gebannt sind, betrachtet man sie — die Ruinen — als Zierde der Gegend, denen sie angehören, und statt, wie in ihren bessern Tagen, den Wandrer zurückzuschrecken, ziehen sie ihn an, statt seinen Blick niederzuschlagen, fesseln sie denselben. Sie reden eine starke Sprache, und da—der Vorsehung sei's gedankt! — des Schlimmen früher vergessen wird, als des Guten, so erzählen sie von kernigen kräftigen Naturen, von eisernem Worte und stählernem Gewände, an welchem wohl die Streitaxt, aber nicht das Modejournal was änderte, und was sie Schauderhaftes und Trübes mitbrachten vermehrt nur das wohlthuende Gefühl der Sicherheit und des unzähligen Guten in unsrer Zeit. Dieses von den Stätten aus Holz und Stein, in denen die Unholde von Fleisch und Blut hausten. Anders isl's mit den Burgen, in welchen die geharnischten Vorurtheile ihr Wesen trieben — den Formen für die mittelaltarlichen Gedanken; Formen für ein Denken, für Ansichten und für Lehren, die auf ihrer Bahn wie Sichelwagen Spuren hinterließen. Das Schießpulver ist eine ältere Erfindung als die Buchdruckerkunft, die Kugel drang früher in den Harnisch, als der segnende Strahl der Reformation in die Herzen der Christenheit. Darum waren die Raubschlösser früher gebrochen, als die Geisteszwinger, die Burgen waren schon, herrschaftliche Schlösser, die Ritter — Edelleute, und noch war Glaube Vernunft und Vernunft Ketzerei; noch gab es gottgefällige Auto-da-fe's, gottgefälligen Hohn, Spott und Haß, gottgefälliges Eidebrechen. Aber har auch die Buchdruckerkunst endlich den Sieg des Geistes befördert, und den Landfrieden im Reiche der Gesinnung vermittelt, so ist solcher Landfriede noch nicht alt genug, um ihm zu trauen, und als daß nicht hie und da ein geistiges Raubritterkind des Mittelalters — aus mittelalterlicher Überzeugung, also doch ehrenwerth nach Einer Seite hin — noch sein Unwesen triebe. Jedenfalls aber sind deren Stätte — die Formen — als Ruine nicht alt genug, und von zu solider Konftruktur, daß sie nicht Menschen von schlechter Gesinnung — wie das ja auch mit den zerfallenen Burgen der Fall war — für Werke, die sich in Schlupfwinkeln und im Finstern am besten betreiben lassen, eine Zufluchtsstätte böten. Jeder Freund des Lichts, der Wahrheit und der Humanität, wenn er auch das Mittelalter ehrt — wie man ja auch zweideutigen Todten nichts Böses nachsagt — wenn er auch dessen eigenthümliches Gute nicht verkennt, wird doch die Formenruinen jener Zeit, wenn sic nicht eben Schalen harmlosen Inhaltes waren, nur mit Scheu betrachten, und gern bereit sein, mitzuhelfen, wo und wie es gilt eine solche abzutragen. Eine solche gefährliche mittelalterliche Form ist der Judeneid in seiner Abfassung in manchen Staaten. In jener Zeit, wo Pabft, Konzilien und Kaiser gegen religiös Andersdenkende Eide brachen, warum sollte man da nicht auch von den Juden erwarten, daß sie bei den Eiden gegen Christen ihr Hinterpförtchen hätten? — Der Schauplatz des sittlichen und religiösen Lebens der Juden war von Mauern und Pforten eingeschränkt, finstere Sagen und schreckhafte Fabeln webten ein Dunkel um dasselbe, daß nicht leicht ein unbefangener Blick des Christen auf das Denken, Thun und Lassen seiner jüdischen Mitbürger möglich war. Was sie davon und von den Religionsschriften derselben umständlicher erfuhren, floß meist aus den trüben Quellen der Renegaten. Die Ueberzeugung des Zeitalters war es also, die den Juden gegen Christen nichts Gutes zutrauete, in andern Dingen, so nicht minder bei'm Eide. Das ist aber gewiß bei keinem gesund denkenden Christen unsrer Zeit mehr der Fall, am wenigsten bei irgend einer höherstehenden Behörde. Halten sich dieselben doch jetzt selbst überzeugt, daß unter keiner Bedingung ihnen selbst ein falscher Eid gestattet sei. Dieses erschwert schon der Vermuthung den Weg, so etwas dein Israeliten zuzutrauen. Aber auch das religiöse Leben des Israeliten steht nicht mehr wie in eine Wolke gehüllt da, und seine Religionsschriften sind durch populäre Bearbeitungen und Ueberrragung in die Landessprache Jedem zugänglich, ihre Schulen und Schulbücher größrentheils unter Aufsicht christlicher Beamten gesetzt. Der müßte eine kecke Stirne haben, der in unfern Tagen dem Israeliten in's Gesicht sagen wolle, so ganz ohne Rückhalt: Ihr haltet das Eidbrechen für erlaubt. Und doch bestehen die Formen noch, in welchen meist ein solcher Gedanke hauste. Aber, wie gesagt, nicht von adliger Abkunft, nicht von der Ueberzeugung geboren, sind jetzt andere Gedanken eingezogen, von minder ehrenwerthen Eltern gezeugt. Mit solchen darf kein Friede, muß ein heiliger Krieg geführt werden. Mit Freuden mache ich daher von einem Aktenstücke, das mir