Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 48 (26.11.1841)
- Date
- 1841-11-26
- Page
- Seite 380 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3133765-3133874-3133923--1401-3135646- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
380 Poesie, (daß nämlich alles poetisch aufzufassen und mythisch zu erklären sei) verschwand immer mehr und nackt und ernst gestaltete sich das Wort in der Schrift." „Wenn diese Schilderungen, diese Reihe von Handlungen, Geboten, Gesetzen, dennoch Wahrheiten enthalten sollten, die nicht allein für tzie damalige Zeit gelten, sondern auch noch in voller Kraft für die jetzige fortwirken und bestehen?" „Wie eine drohende Gewitterwolke ragte dieser Gedanke in meinen religiösen Jndifferentismus hinein. Wenn nun wirklich der Witz und der Scharfsinn der Bibclgegner sich eben so zur Wahrheit des A. T. verhalten sollten, wie die neuere medtcinische Literatur zum Kapitel im Lcviticus?" Diese wenigen Sätze enthalten das Resultat, den ersten Anstoß zu einer Umformung. Ist hierin Wahrheit? Wir lassen die Gemächlichkeit der Darstellung auf sich beruhen, aber der Leser darf sich davon nicht bestechen lassen. Erstlich ist die ganze Gewitterwolke eine Schimäre. Was heißt das: Schilderungen gelten für unsre Zeit? Sie sollen noch moralisch fortwirken? Nun das leisten sie ja, bei dem einen mehr, bei dem andern weniger, aber das kann nicht drohen, sondern vielmehr Das Interesse beleben, und wir wünschten, daß der Verfasser recht lebhaft gezeigt hätte, wie sehr die lebendige Frische der Bibel zu aller Zeit und in jedem Alter ansprichr. — Sind die Gesetze gemeint? Wie viele von Den mosaischen Gesetzen sind reel in andern Ländern ausführbar, wie viele in andern Zeiten und Regierungsvcrfassungcn? Ohne Die hinzutretende Breite der traditionellen Interpretation bleibt fast nichts als die Unterscheidung von erlaubten und verbotenen Thieren, (auch die noch bei'm Geflügel unklar), und der Sabbath, wahrend Beschneidung, Festtage und andere Ceremonien der genauem Bestimmung bedürfen. Es war also durchaus nöthig, erst die Traditionswerke nochmals zu befragen, um überhaupt über Ausführbarkeit Auskunft zu erhalten. Die Frage über die Verbindlichkeit der mosaisch-thalmudischen Gesetze in fremden Ländern ist allerdings eine ernste, aber Der Mann von Wissenschaft braucht davor nicht zu erschrecken; er hat sie zu erwägen und muß suchen, darüber mir sich selbst in's Klare zu kommen; er handele dann nach der gewonnenen Ueberzeugung und mit strenger Gewissenhaftigkeit, und wenn es seines Amtes ist, fo lehre er also und verbreite die Wahrheit im Kreise derer, die ihm vertrauen. Mehr kann vom Menschen nicht gefordert werden. Wer hingegen keinen sichern Weg finden kann, thut besser, sich Der Leitung Der Autoritär allein zu überlassen, uck eben nicht in plötzliche Gewissenszwcifel zu gerathen. Jndifferentismus ist allerdings ein böser Zustand, aber nicht jeder ist deßhalb wirklich indifferent, weil er über jene Verbindlichkeit eine Ansicht hegt, die cs ihm möglich macht, sich freier zu bewegen! — Die größte Täuschung liegt aber in der letzten Frage. Was will sie anders sagen, als daß die heil. Schrift in wenigen Zügen die Hautkrankheiten so wahr und naturgemäß beschrieben habe, daß die besten ausführlichen Untersuchungen der Aerzte (denn der Ausdruck „neuere medicinische Literatur" ist nur ein oberflächlicher Seitenhieb, sind doch die alten Folianten viel wortreicher) davor zu Schanden werden? — Wir wünschen, daß der Verfasser es der Mühe werth fände, die Arzneikunde und Physik der Kapp, im Lcviticus, die von den Krankheiten der Menschen, der Geräthe und der Häuser handeln, genau zu erörtern, und in ein helles Licht zu stellen, damit nicht eben aus ihnen, wie bisher, erhelle, daß Der I Inhalt des Lcviticus durchaus nur den wissenschaft-! lichenStandpunkt seiner Zeit im Auge habe, und! die Forschungen der Acrzre keineswcges überflüssig j mache. So lange cs so ftchr, wird demnach obige i Frage niemanden beunruhigen. Denn so lange die -! Wissenschaft sich zum A. T. im Ganzen verhält, wie j| die Medicin zu den medicinischen Kapp, des Leviti- ■ cus, wird man in jener einen Fortschritt finden, der; dem menschlichen Geiste zur Ehre gereicht. Auf jej den Fall wird man es dem Witz und dem Scharf-; sinn (nicht gerade der Bibclgegner, es giebt ja auch Bibelleser und Forscher, welche einigen Witz! oder Scharfsinn haben) der Menschen sehr danken,; daß sie die bildliche und poetische Ausdrucksweise der : h. Schr. erläutert und auf ihren richtigen Werth j gesetzt haben, damit die orientalische Farbe und der! Rede schm uck einer lebendigen Begeisterung nicht miß-! verstanden und mißbraucht werde, wie das früher ' häufiger vorkam und jetzt noch nicht ganz ausbleibt.—! ' Alle die Betrachtungen, welche das „Bekenntj niß" in dieser Beziehung vorführt, betreffen einen gemüthlichen Menschen, welcher aus Bequemlichkeit aller religiösen Wärme sich entzogen hat, um sich in kalten Materialismus zu versenken, der aber hierin für eine gefühlvolle Seele natürlich keine Befriedi-