Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 47 (19.11.1841)
- Date
- 1841-11-19
- Page
- Seite 373 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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313 Nachrichten und Correspondenzen. «* Frankreich. — Das Wichtigste, was die Arciüves israelites vorn Oktober enthalten, ist die Nachricht von der Einführung einer Orgel zur Begleitung des Chors in der Synagoge zu Marseille, wo man auch die Religionsweihe der Mädchen einzurichten beabsichtigt. Dies ist das Werk des Oberrabbiners Herrn Cahen, welcher am jüngsten Versöhnungstage seine Gemeinde auf diese Neuerungen in einer Predigt vorbereitete. Seine dahin zielenden Worte waren etwa folgenden Inhaltes: „Der Gottesdienst hat keine wirksame Folge, wenn man nicht den erforderlichen Anstand und die gehörige Andacht mit demselben verbindet. Wie sollen wir dies bewerkstelligen, so wie er jetzt eingerichtet ist und nachdem so viele Mißbräuche sich eingeschlichcn haben? Diese Frage muß jeder aufgeklärte Wann, der wahrhaft religiös ist, sich vorlegen. Denket nicht, lieben Brüder, daß ich auf jene Reformen Hinweisen will, die einerseits übereilt und andrerseits mit Recht getadelt werben. Ihr kennt bereits meine darüber öffentlich ausgesprochene Ansicht, von der ich nicht wieder abgehen werde; aber sind wir deßhalb verurtheilt, alle von der Religion gestatteten Verbesserungen, welche die Zeit fordert und welchen die von außen her andringende uns umgebende und bedrohende Proselytenmachern noch nöthiger machen, zu verwerfen, und während man unfern Cultus begeifert und fremde Sectirer dessen Grund zu untergraben suchen*), sollen wir ruhig bleiben und in einer strafbaren Gleichgültigkeit beharren? Besser ist es, den gerechten Wünschen der Gläubigen nachzugeben, dem Cultus allen Glanz, dessen er fähig ist, zu verleihen, und wir dürfen überzeugt sein, daß er sich in unfern glücklichen Zeiten eben so gut erhalten werde, wie er sich in Unglückszeiten aufrecht erhalten hat. Wirklich haben zwei vorzügliche Gegenstände unsere Aufmerksamkeit angefprochen.' Der religiöse Gesang und die Erziehung des weiblichen Geschlechts. Der erstere hat bereits die Berathungen des Consistoriums beschäftigt. Verschiedene in dieser Hinsicht gemachte Versuche haben seiner Erwartung nicht entsprochen, weil die Begleitung fehlte. Wir selbst haben die Fugend aufgefordert, aber sie hat sich nicht bereit gefunden, sei es, weil der Handel ihnen alle Zeit raubt, sei es, weil sie ebenfalls indifferent sind, woran die ganze Gesellschaft leidet. Nunmehr wird die Begleitung eines Instruments nolhwendig, und warum sollten wir es nicht annehmen, da es der große weitläufige Religion-Codex nicht verbietet? Oder vielmehr richtiger ausgedrückt, warum sollten wir nicht das annehmen, was andere Culte erst von unserm entlehnt haben? Denn jedermann weiß, daß von Moses bis zur Zerstörung des Tempels unsere religiösen Gesänge von Instrumenten begleitet wurden, nur während der ersten Gefangenschaft hingen unsre Voreltern ihre Harfen an die Weiden**) und weigerten sich, ihre schönen Gesänge auf fremdem Boden erschallen zu lassen. Nun aber frage ich, welcher französische Israelit würde heute sein Vaterland verleugnen und sich auf fremdem Boden glauben? Man mißverstehe sedoch *) Wahrscheinlich Anspielung auf Herrn Ostrr's Schriften. D. H. **) Sonderbar, daß dieser poetische Ausdruck des Schmerzes des Psalmisten hier historisch genommen wird. D. H. meine Worte nicht; jeder Israelit ist verpflichtet, an die dereinstige Ankunft eines Messias zu glauben; dies ist ein Grund-Dogma unsers Glaubens; wir sollen jener glücklichen Zeit entgegensehen, welche den Frieden unter den Nationen Herstellen, wo die wahre Religion allen Völkern gelehrt werden wird, so daß wir aus einer Minorität, welche wir jetzt bilden, einst eine starke Majorität ausmachen. Die religiöse Bildung des weiblichen Geschlechts ist nicht minder wichtig, und dessen Mitwirkung nicht minder nothwendig. Die berühmten Namen der Schwester Arons, der Debora, Hanna, Hulda und vieler andern beweist uns zur Genüge, daß der religiöse Unterricht damals sich über alle Klassen erstreckte. In den Zeiten des Tbalmuds zeichnete i sich eine Bern eia, Ialtha, Zma Schalom durch Gelehrsamkeit aus; und wir sollten unsere Töchter nicht die Grundlehren unserer heiligen Religion lehren dürfen, die gesunde Moral, und die Prinzipien der Tugend, die sie enthält? Schon in unsrer letzten Predigt haben wir die irrige Meinung bestritten, welche der böse Wille aufgestellt hat, um | unter unfern Gläubigen Zwist zu nähren, aber eine Stelle,! die ich citircn will, wird noch besser darthun, wie sehr die I Verfasser des Thalmuds auf den Antheil des weiblichen! Geschlechts an religiöser Bildung hohen Werth legen. Der Allmächtige, sagen sie, hat besonders die Frauen wegen ihrer!! aufrichtigen Treue im Glauben ausgezeichnet, indem er an I sie besonders väterliche Ermahnungen richtet (Zsai XXXII. 9). i; „Wahr ist es freilich, daß späterhin dieser Unterricht; vernachlässigt worden, theils wegen der vielen Verfolgungen, i welche unfern Vätern kaum Zeit ließen zu athmen, und; theils noch mehr, weil die religiösen Uebungen zahlreicher j! wurden, und das häusliche Leben ein beständiger Unterricht jj war, so daß das Frauenzimmer dessen entbehren und auf j: andere Gegenstände der Bildung seine Aufmerksamkeit wenjj den konnte: jetzt aber, da diese Uebungen sichtlich vermin- 'i dort sind und der Mann durch die Zivilisation in eine neue!! Spähre von Thätigkeit hineingezogen wird, was bleibt da!■ dem weiblichen Geschlcchte, als gänzliche Unkunde in Glau-! benssachen und als Folge davon eine schreckliche Gleichgültigkeit!- Der Advokat Herr May zu Nancy hat bei Gelegenheit der diesjährigen Preisvertheilung der dortigen Schule s sich in weit stärkern Ausdrücken über die gegenwärtigen j Zustände ausgesprochen, und auf die Nothwendinkeit der )■ Reformen hingewiesen. Die Rede ist im Druck erschienen! und verdient schon des Styles wegen gelesen zu werden.! Die Avchives liefern einen Auszug daraus.! Prag. — Ueber die Errichtung eines Seminars! werden ernstliche Unterhandlungen gepflogen. Der Oberjurist Rapaport hat einen Plan dazu entworfen und geeignete Circulare an verschiedene Gemeinden erlassen. Die Regierung scheint nicht abgeneigt, eine wohlgeordnete Anstalt der Art in's Leben zu rufen und auf jede Weise zu begünstigen. Baiern im October 1841. — Die bekannte Angelegenheit des Rabbiner vr. Löwy in Fürth soll nach dem