Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 47 (19.11.1841)
- Date
- 1841-11-19
- Page
- Seite 370 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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370 Punkte, weit eher zu leidenschaftlichen Regungen des Unwillens auf der einen, der Verdammung und gehässigen Folgen auf der andern Seite gereizt werden, als, wohin jede Religionsschrift zu zielen hatte, die reine Wahrheit zur Erkennrniß zu bringen, und den Aberglauben zu vertilgen. Da wir inzwischen erfahren haben, daß Entgegnungen besonders erscheinen werden, so ziehen wir es vor, dasjenige, was wir einzuwenden haben, in diesen Blättern zu bemerken, ohne die selbstständigen Conrroversschriftcn zu vermehren. Wir sehen übrigens, wie sich fast von selbst versteht, nur auf die Schrift als gegebenes Objekt, nicht auf die Motive ihres Verfassers, und betrachten dieselbe auch nicht als literarisches Produkt, um ihren wissenschaftlichen oder ästhetischen Werth zu ermitteln, sondern nur die Thatsachc ihres Inhaltes, die? Wahrheit desselben in seinem Einflüsse auf religiöses! und staatliches Leben und auf legislatives Verhalten.! „Das Bekcnntniß des Proselytcn" besteht nämlich! nicht bloß aus dem Inbegriffe der Religionslchren,! deren Wahrheit ihm jetzt als Grundlage seines Glaubens dienen, sondern in der Schilderung der Zustände, welche den Entschluß zum Uebertritte reiften, und > diese sind natürlich kcincsweges bloß individuell, sonj Lern viel allgemeiner als sich's die Meisten sagen möchten und als sie selbst bei Denkenden in's Bewußtsein treten; daher auch die einseitigste Fassung nicht ohne Eindruck bleiben kann,, und auf jeden Fall zur Meldung manches Fehlgriffs auch Beleuchtungen wünschenswerth macht. — Als zweites Schild trägt die Schrift die Worte: „Das Unglück der Juden und ihre Emanzipation in Deutschland." Hier ist schon eine Beschränkung, welche von Beschränktheit des Gesichtskreises zeugt. Warum in Deutschland? Giebt cs in der Welt weiter keine Gemeinden? Und ist nicht alles, was die Schilderung enthalt, weit mehr auf alle östlichen und südlichen Länder anwendbar, als auf Deutschland? Ja selbst auf die Länder, wo die politischen Unterschiede ganz aufgehörr haben? — Man könnte sagen, jeder wirke zunächst auf die Zustände des Vaterlandes ein; allein das gilt nicht da, wo von religiöser Bekehrung die Rede sein soll, denn die Religion hat nichts mir dem Vaterlande zu thun, und am Wenigsten bei den Juden, deren Kirche kein Besitzthum hat. Die Beschränkung aber hat augenscheinlich Einfluß auf den Gesammrinhalt dieses „Bekenntnis-. ses," und giebt ihr von vorn herein ihr einseitiges Gepräge, ohne Zweifel daher rührend, daß in Deutschland mehr als in irgend einem Lande über Dinge geschrieben und discutirt wird, die anderswo mit einem einzigen Federstrich geordnet und beseitigt j werden, oder als stehend und ftagnirend gar nicht j zur Discussion kommen, bis einmal ein Herkules j erscheint, um den Augiasstall zu reinigen. Das; wahre Unglück, welches beklagt werden muß, ist; aber in Deutschland nur dies, daß so viel geschrie- > ben, angeklagt und verthcidigt und projectirt und! debattirt wird, und so oft etwas zum Abschluß koml men soll, nichts geschieht und alles wieder den ge-! wohnten Gang nimmt, der nach angeregten Erwartungen nur um so viel beschwerlicher wird. (Fortsetzung folgt.) Kirchen st aat. Allgemeine Verhältnisse und Beispiele dazu. Zu den Notizen, die ich Ihnen über die Verhältnisse der Juden in Rom bereits mitgethcilr, dürfte noch Folgendes nachzutragen sein. Die Toleranz ist unter dem gegenwärtigen Pabfte in stetem Zunehmen, und die Juden im Kirchenstaate, und namentlich in Rom, stehen weit besser und leben ruhiger und zufriedener als früher, d. h. die Plackereien haben abgenommen, und obschon die gehässigen Gesetze keineswegs förmlich aufgehoben worden, werden sie dock selten oder doch mit viel Mäßigung vollzogen. Die Inquisition hat besonders in Rom nicht mehr so unumschränkte Gewalt. — Wohnen dürfen die Juden bekanntlich nur in ihrem Ghetto, dessen ungeachtet haben sehr viele offene Läden und Handlungen auf dem Lande in verschiedenen Provinzialstädtcn, wo sie sich fast immer (jedoch ohne Familie) aufhaltcn. Dies wollte die Inquisition j cinftcllen und im Jahre 1839 sollten alle binnen! 14 Tagen ihre Plätze räumen und sich in's Ghetto i begeben, was natürlich für sie ein unermeßlicher! Verlust gewesen wäre. Sie baten um drei monatliche Erftrackung, erhielten diese aber nur auf einen Monat. Indessen verfügten sich die Dcputirten der Gemeinde zum Pabfte selbst (wo sie auch durch Empfehlungen des Herrn Baron Carl von Rothschild unterstützt wurden) und erhielten die Bewilligung, ihre Geschäfte auf dem Lande forrzuführen,