Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 46 (12.11.1841)
- Date
- 1841-11-12
- Page
- Seite 364 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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364 erinnert, har der Tempel mit deutlichem Bewußtsein und feinfühlendem Tact als ein seinem Organismus widerstrebendes, fremdes Element von sich ausgeschieden, und ist hierin für alle ähnliche reformatorische Bestrebungen muftergebend und mustergültig geworden. Daß er auch jedweden an die Trauer der Zeiten erinnernden, von dieser in den Gottesdienst eingeschlichenen, mit dessen höherer Würde und der vom religiös -geblideten Bewußtsein begriffenen Weihe des Gebetes sich nicht vertragenden inhumanen Elements völlig und entschieden sich eutäußert, gehört nicht zu seinen geringsten Vorzügen. Ich gedenke, so Gott will, bei einer weitern und ausführlichem Besprechung dieses Thema's auf diese höchst wichtigen Punkte zurück zu kommen. Aber nur zur Hälfte hat er die Aufgabe der Zeit begriffen und ihre Lösung versucht, wenn er jene strenge Sonderung des Religiösen vom Nationalen im Judenthum und in ihrer speziellen Beziehung auf den Gottesdienst und nicht auch in ihrer weitern und allgemeinen Anwendung auf das jüdisch-religiöse Leben durchzuführen sich bemühet. Ihm käme es wohl zu, auch hierin die Bahn zu brechen und wie im Gottesdienst, so auch im Leben die Initiative zu ergreifen. DieMißftände, die daraus für ihn selbst hervorgehen und im Leben sich knndgeben, sind nicht so leicht zu übersehen, als man etwa glauben möchte. Außer dem schwankenden Urtheil, welchem hierdurch seine Prediger in Bezug auf das Leben ausgesetzt sind, dem Mangel eines sichern und festen hierauf bezüglichen Haltpunkts im Schooße der Gemeinde selbst, muß letztere von ihren orthodoxen Gegnern den Vorwurf der Irreligiosität und der Nichrfrömmigkeir, und was schlimmer ist, unrichtige Schlüsse von der Ungültigkeit des Lebens auf die religiöse Ungültigkeit des Gottesdienstes sich gefallen lassen. Man glaube aber ja nicht, der Tempel habe sich um Das religiöse Leben nicht zu bekümmern, seine Mitglieder seien hierin der eigenen Gewissensfreiheit überlassen. Dem ist nicht also. Es giebt Punkte im Leben, und zwar die mißlichsten, weil sie unsere heiligsten Interessen betreffen, wo die Gewissensfreiheit nicht ihrer individuellen Ueberzeugung folgen kann, sondern an die geltenden Normen der bestehenden Kirche feftgebunden ist; es giebt Knoten im religiösen Leben, die nur von Gesichtspunkten der nach Autorität ringenden jüdisch-theologischen Wissenschaft aus gelös't werden können, und die, so lange ihre Lösung nicht vollbracht ist, die Bekenner des Judenthums, und somit auch die Mitglieder des Tempels, in die traurige Alternative setzen, entweder gegen ihre Ueberzeugung den als religiös geltenden Formen sklavisch sich zu fügen, oder gegen ihre Ueberzeugung die Schale mit dem Kern zu verwerfen. — Ich mag diese Punkte jetzt nicht nennen, verweise aber auf vr. Geiger's vortreffliche Aufsätze (Wissenschaftliche Aufsätze für jüdische Theologie 3. B. S. 1 ff. S. 151 ff. u. a. m.), die ähnliche Mahnungen genug enthalten. Dieser Reflexion erlauben Sie mir noch eine kurze Relation hinzuzufügen. Der Tempel ist in seiner äußern Erscheinung auf eine neue Phase der Entwickelung gelangt, und hat nach sorgfältiger Wahl und Prüfung, nach freiem Rücktritt des Hrn. vr. Kley, in der Person des Hrn. vr. Frankfurter, einer geistig durchgebildeten, durch Biederkeit des Charakters, gründliche wissenschaftliche Bili düng mit der in unfern Tagen immer seltner weri denden Bescheidenheit des Auftretens eben so! achtungsals liebenswürdigen Persönlichkeit, dem i Veteranen und als Milschöpfer der jüdischen Homi-! letik rühmlichft bekannten vr. Salomon einen würdigen College« gewonnen. Herr vr. Frankfurter hat sich durch seine geift- und gemüthreichen Vonräge nicht nur die Liebe und Achtung seiner Gemeinde, sondern auch außer Hamburg einen bedeutenden Ruf als Kanzelredner erworben, und die zwei Predigten, die ich von ihm gehört, die eine über den Text Jes. 1,27 und die andere über Deut. 20, .5 ff. haben mir diesen Ruf vollkommen bestätigt. Die geistreiche Auffassung des Textes, die nicht selten überraschende Benutzung und Anwendung desselben auf die verschiedenen Seiten des behandelten Stoffes, eine erschöpfende Zerlegung seines Thema's bis in die kleinste Faser beurkunden in ihm den entschiedenen Beruf und die innere Befähigung zum Kanzelredner. Da Herr vr. F r a n kfurter eine Sammlung seiner Predigten herausgiebt, in welche jene zwei gedachten gewiß mit ausgenommen werden, so enthalte ich mich für jetzt einer besondern Analyse derselben. Eine zweite innere Entwickelungsphase feiert der Tempel in der neuen Ausgabe seines Gebetbuches, das ich nur noch aus flüchtiger Mittheilung ' kenne. Sobald es mir vorliegt und ich eine genaue