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Israelitische Annalen · 1841-11-12 · Heft 46 (12.11.1841) · p. Seite 363

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1841
Issue
Heft 46 (12.11.1841)
Date
1841-11-12
Page
Seite 363 (sequence 3)
Language
German
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363 etwas nach Maßgabe meiner geringen Kraft beizutragen. Ich getraue mir zu beweisen, daß der Tempel nicht nur im Judenthum stehe, in dessen innerstem Heiligthum seinen Schwerpunkt habe, aus dessen Herzkammern alle seine Pulse mit lebenswarmer Bewegung fülle und den lebendigsten Beweis für dessen inneres Leben liefere, sondern auch in der Synagoge, in ihrer concreteften Bedeutung, mit allen seinen Fasern tief wurzele, aus der Synagoge nicht herausgetreten, sondern sie veredelnd, käuternd und bildend, auf ein viel höheres, ja vielleicht ein höchstes Stadium der Entwickelung führe. Freilich wird ein kritisches Auge so manche Jnconsequenz entdecken und fragen: warum hier mit so kühnem und edlem Muthe die Fessel verjährter Autoritären gebrochen, dort mir kindlicher Nachgiebigkeit unter ihr Joch sich geschmiegt? hier das Hohe und Schöne von jeder schlackigen Zulhat geläutert und es in seiner Höhe und Reinheit erfaßt und dargeftellt, dort manches in ungeläuterter Gestalt stehen gelassen und der Macht des Vorurtheils sich accommodirt? Warum der täglichen Andacht Des Tempels die Thore verschließen und sic der Feier des zweiten Festtages öffnen? Warum der stillen Andacht der 18 Segensprüche (am Vorabend des Sabbath) den hebräischen Ausdruck versagen und der geistigen Heiligung oder Einweihung des Tages (Kiddusch) den materiellen mit Wein gefüllten Kelch nicht entziehen? Warum bei der seiner ganzen geistigen Erscheinung durchweg sich kundgebenden Rückkehr zum prophetischen Judenthum gerade die Vorlesungen aus den Propheten (die Haftara) aus dem Gottesdienste verbannen? Freilich für den dreijährigen Cyklus giebr es keine hinlängliche Zahl der Haftara's. Was konnte aber den Tempel hindern, die vorhandene Zahl in so viele Theile zu zerlegen, als seinem Bedürfniß genügt, oder lieber, andere seiner geistig-moralischen Natur nach mehr entsprechende Stücke aus den Propheten zu wählen? — Aber alle diese und ähnliche Fragen bestärken mich in der Voraussetzung, daß der Tempel zur Zeit seines Entstehens weniger nach durchgreifenden theoretischen Prinzipien als nach vorgelegenem religiös-gebildetem praktischem Bedürfniß mit der vorschwebenden Idee eines in steter Entwickelung und Läuterung begriffenen Fortschrittes innerhalb der Synagoge sich in's Dasein gesetzt. Was aus dem Prinzip der Bewegung und Fortbildung hervorgegangen, müßte mit seiner eigenen Natur in direkten Gegensatz treten, wenn ks sich als absölut abgeschlossen und über jegliche Perfectibiliät erhaben dünken wollte. Und das thut der Tempel gewiß nicht. Was mir aber schon jetzt als die charakteristische Idee Des Tempels erscheint, die allein wichtig genug ist, ihm eine hohe Stellung in der Entwickelungsgeschichte des erwachten und kräftig aufstrebenden Geistes des Judenthums anzuweisen, ist, nach meiner Meinung, die strenge und entschieden ausgesprochene Scheidung des rein Religiösen im Judenthume vom Nationalen und allen mit diesem zusammenhängenden und auf eigenes Besitzrhum, volksthümliche Selbstständigkeit, auf eigenthümlichen im Opfern sich Darstellenden Tempeldienst rc. Bezug habenden Beftandtheilen. — Es muß in ihm eine große religiöse Idee walten, das rein Menschliche und rein Religiöse des Judenthums zum wirksamen Durchbruch gekommen sein, wenn er für jene unsere alten Gebete mit heiligem Schauer durchdringende und der auf sie sich stützenden Frömmigkeit einen so festen positiven Haltpunkt gewährende Sehnsucht nach Wiederkehr und Wiederherstellung des ehemaligen Zustandes mit seinen politischen und religiösen Consequenzen, Befriedigendes zum Ersatz bieten kann. — Er har die hohe Aufgabe der Zeit erkannt und zu ihrer Lösung einen entschiedenen und gewaltigen Schritt vorwärts gethan, wenn er die historische Frömmigkeit in die Bahnen der rein-menschlichen zurückgelenkr, wenn er faktisch die erhabene Idee ausgesprochen, daß das Judenthum, als eine der ältesten historischen Religionen in ihrem Verhältniß zu den übrigen betrachtet, zwar als ein Fixstern erscheine, um Lessen Mittelpunkt andere Planeten ihren Kreislauf vollbringen, in ihrem Verhältniß aber zum großen Ganzen, zum Menschenthum, selbst ein Wandelstern sei, der von einem höhern Mittelpunkte angezogen, in ewigem Fortschreiten begriffen ist. — Und das ist unstreitig das größte Verdienst des Tempels um die historische Fortbildung und Fortentwickelung des Judenrhums. Hierin ist der Tempel-Gottesdienst durchgreifend und consequenr. Alles was in unfern Gebeten an die Vermischung des in seiner Geltung längst aufgegebenen Nationalen mit dem ewig geltenden rein Religiösen nach seinem spezifisch-jüdischen Gehalte 46*

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