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Israelitische Annalen · 1841-11-05 · Heft 45 (5.11.1841) · p. Seite 354

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1841
Issue
Heft 45 (5.11.1841)
Date
1841-11-05
Page
Seite 354 (sequence 2)
Language
German
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354 Geschichte aller Confessionen lehrt zur Genüge, daß gegen derartige konfessionelle Vorurtheile alle Macht der Vernunft und Einsicht scheitern müsse. — Einen schlagenden Beweis dafür liefert die Thatsache, daß von den aus der Provinz dahin übersicdelten Fremden, von denen ich sehr viele gebildete und urtheilsfähige Männer kennen lernte, die Meisten zu den Mitgliedern des Tempels gehören, weil sie, durch ihre Erziehung vorurthcilsfrci geblieben, einen unbefangenen prüfenden Blick zur Vergleichung mitbrachten. — Wenn nun dieses bis jetzt einzig in seiner Art gebliebene Institut schon die Aufmerksamkeit jedes Israeliten im Allgemeinen auf sich zieht, so muß dieses bei dem jüdischen Theologen, oder gar in einer praktischen Stellung wirkenden Geistlichen ganz besonders der Fall sein. Der Tempel ist unstreitig das wichtigste Moment in der Culturgcschichte des Judenthums. Er ist eine lebendige Manifestation von religiösen Ideen, die noch ihrer Aussprache harren, und keiner, der von den Fluktuationen der Zeiridecn auf dem Gebiete des Religiösen im Allgemeinen und des jüdischen insbesondere mit berührt worden, mag cs über sich gewinnen, sich nicht über ein so wichtiges historisches Moment, wie cs in dem Tempel zur lebendigen Erscheinung geworden, aus eigener Anschauung ein Urtheil zu bilden. Aber gestehen muß man, daß'cs nicht zu den leichtesten Aufgaben gehört, ein festes und bestimmtes Urtheil über den Tempel zu Stande zu bringen. Es mag wohl daher rühren, daß der Tempel nach seinem 22jährigen Bestände noch immer neu ist, nicht etwa neu im Gegensatz zur alten Hamburger Synagoge, sondern eine' neue Entwickelungsphafe in der religiösen Culturgeschichtc der Juden, ein neues Ferment von noch embryonischer Natur, in welchem große Entwickelungsepochen schlummern mögen. Der Tempel ist auch in dem Sinne neu, daß er vielleicht aus dem ersten Stadium der Revolution noch nicht in das zweite der Reform übergegangcn ist. — Mir einem Morre, der Tempel erscheint mir als ein Stück werdender Geschichte. Daher das Urtheil'über ihn so schwer. Wenn die Sachen entstehen, wird noch nicht über sie gcurrheilt. Auch entstehen die Sachen nicht aus dem Urrhcil, sondern umgekehrt: das Urtheil entsteht aus der Sache. — Und wenn es auch unleugbar wahr ist, daß der geschichtlichen Entwickelung auf dem religiösen wie politischen Gebiete Ideen als Bildungsmomente zu Grunde liegen, so sind diese Ideen zur Zeit ihrer entschiedensten Wirksamkeit nur noch dunkele, noch nicht zur Klarheit des Bewußtseins gedrungene Bildungstriebe, die erst dann, d. h. als aus ihnen Thatsache n in's Leben gefördert worden sind, hinterher zu klaren Gedanken, d. i. zu einem Urtheil verwandelt werden. Ich will damit keincsweges dem Tempel seine faktische Wahrheit absprechcn, sondern die scheinbare Jsolirtheir seiner Stellung zu dem großen Ganzen, zu den vielen und weitverzweigten reformatorischcn Bestrebungen, die überall auf dem Grund und Boden des Judenrhums auftauchen, nur erklären. Nur in dieser Beziehung, und so ferne man anderweit einen Maßftab nehmen und an den Tempel legen möchte, erscheint er nur als große, wirkende Idee, die alles Vorhandene weit hinter sich zurückläßt. Für seine Gemeinde ist der Tempel Factum, für das Judenthum ist er Idee. — Aus diesen Voraussetzungen wäre noch eine andere cigenthümliche Erscheinung zu erklären, die, so vom Tempel die Rede ist, nicht außer Acht gelassen werden darf. Sie ist nämlich der ganz eigenrhnmliche Stand derTcmpelpredigcr, der nach meinem Dafürhalten ein höchst schwieriger ist. Während andere im Geiste des Fortschrittes wirkende Geistliche auf ihrem Standpunkte das nach gegebenen Prinzipien im Gedankenkreise der Gebildeten als allgemeingültig Anerkannte mehr oder weniger in's Leben zu fördern haben, ihren Beruf also darin erblicken, der von selbst in Entwickelung begriffenen Natur als rationelle Acrzte künstlich nachzuhelfcn, haben die Tcmpelpredigcr die wahrlich nicht geringe Aufgabe, das geschichtlich Gewordene hinterher als norhwend i g a priori zu begründen, das Naturgemäße in dem bereits abgeschlossenen Entwickelungsprocesse nachzuweiscn und die große und lebendige Idee in dem faktischen Organismus als dessen unsterbliche, in Ewigkeit fortwirkende Seele darzuftellen.—Bedenkt man noch, daß sie es zwar mit einem sehr gebildeten, aber doch, der Mehrheit nach, nur praktisch gebildeten Publikum zu thun haben, daß man wie auf dem orthodoxen Standpunkte auch hier in gewisser analoger Weise die freie Diskussion über die von kritischen Gesichtspunkten aus zu erweisende

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