Mannheim
Compact Memory

Israelitische Annalen · 1841-10-22 · Heft 43 (22.10.1841) · p. Seite 343

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Annalen
Volume
1841
Issue
Heft 43 (22.10.1841)
Date
1841-10-22
Page
Seite 343 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3133765-3133874-3133918--1359-3135599
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

343 Nachrichten und Correspondenzen. Ungarn. St. Nicolau den 22. Sept. 1841. (Schluß.) — Daher ist es höchst erfreulich, daß einer der geist- und einflußreichsten Männer—gegen welchen das Geschrei von engherzigen Zünften und Spießbürgerrotten wohl in keinen Betracht kommt— unser vollgültiges Recht an der Gleichstellung anerkannte. Er that es in einem größern Aufsatze mit siegender Beweiskraft und bewundernswürdiger Belesenheit in der Emancipationsliteratur. Das Hauptargument der Gegner ist die angebliche jüd. Nationalität, welche die aufdlühende ungarische gefährden könnte. Aber wie oft ist es schon gesagt worden, daß die Juden keine Nation mehr bilden, sondern nur eine Glaubens - und Druckesgenossenschaft! Und worin besteht denn das „Deutschland" (denn das ist hier ihre Nationalität im Gegensätze zu den Maggiaren) der ungarischen Juden? Fordert denn eine Nationalität ein Sichabschließen von allem geistigen Verkehr mit andern Nationen? Oder besteht etwa die ungarische Nationalität in Schnurrbart und Dolman? Wir glauben, ein Hauptzug dieser Nationalität sei die glühende Freiheits- und'Vaterlandsliebe und der tödtliche Haß gegen jede Art von Sclaverei; und die Juden konnten wohl keinen sprechendern Beweis geben, daß auch in ihnen diese ungarische Nationalität erwacht sei, als durch ihre Forderung der Emancipation. — Wird nun die äußere Emancipation von der Gerechtigkeit und Humanität sowohl als von der Staalsweisheit dringend gefordert, und steht sie von dem weltbekannten Hochsinn der ungarischen Nation in Bälde zu erwarten, so wollen wir um so mehr auf die innere Emancipation die Aufmerksamkeit der Interessenten lenken. Uebcr das vielfache Verderbniß des Jugendunterrichts ist schon in diesen Blättern, in so fern es beschreiblich ist, referirt worben; auch ist des so verderblichen Chasidäismus, der über einen großen Theil Oberungarns seine finstere Herrschaft errichtete, Erwähnung geschehen. Hiezu kommt noch das so darnieder liegende Rabbiner- und Synagogenwesen und die ganz willkührliche Gemeindeverwaltung, um in jedem theilnehmenden Herzen den Wunsch nach radikaler Verbesserung mächtig anzuregen. Diese liegt aber einzig und allein in der Errichtung einer Rabbinerschule und eines Schullehrer-Seminars, und in einer allgemeinen Gemeinde- und Synagogenordnung. Dies alles muß jedoch von Seiten des Staates ausgehen, die Gemeinden müssen zur Errichtung von Schulen angahalten werden, so wie auch zur Anstellung von wissenschaftlich gebildeten Rabbinen. Die anzustellenden Rabbiner und Lehrer müßten aus jenen Schulen, oder von diesen für fähig Erklärte sein. Die allgemeine Gemeinde- und Synagogenordnung würde über den Gehalt, über die Rechte und Pflichten der Rabbiner und Lehrer, über die Wahl und Zusammensetzung der Vorstände und über deren Befugnisse, über die Art der Aufbringung der nöthigen Mittel rc. eine Norm festzusetzen haben. Wenn wir einige Lustra in solcher Verfassung werden verlebt haben, dann werden sich unsre christlichen Brüder freuen, uns völlig in ihre bürgerliche Gemeinschaft aufzunehmen oder ausgenommen zu haben.—Es liegt nun an den Juden, die geeigneten Schritte zur Verwirklichung dieser Vorschläge zu thun. Auf Pesth richten wir unsre Blicke. Pesth ist durch seine Lage, Bildungsstufe, Seelenzahl, durch seine pekuniäre und sonstige Bedeutsamkeit, endlich durch seinen wackern Rabbiner, dazu berufen, die Leitung der jüdischen Angelegenheiten Ungarns zu übernehmen. Auch hat er in jüngster Zeit diese seine ehrenvolle Aufgabe erkannt, und deren Lösung angestrebt. Ich enthalte mich jeder weitern Ausführung jener Vorschläge, mich begnügend, sie zur Sprache gebracht zu haben, in der beseligendsten Hoffnung, daß sie nicht unberücksichtigt bleiben werden; ich will nur noch bemerken, daß mich nichts anderes zur öffentlichen Sprache bewegt, als die innigste Theilnahme an der Erhebung meiner Glaudensbrüder. — Literatur. Die Religion des Geistes, eine wissenschaftliche Darstellung des Judenthums, nach seinem Charakter, Entwickelungsgange und Berufe in der Menschheit, von vr. S. Form frecher, rc. (Schluß.) Im zehnten Capitel wird der Inhalt der Religion dargestellt. Die Lehren über Gott theilen sich in Theogonie, Kosmogonie und Vorsehung. In Betreff der Theogonie wird zunächst dargethan, daß der Zweifel an Gottes Dasein niemals im Judenlhume auftauchen konnte, und nur in der Wissenschaft sucht es Beweise für eine an und für sich anerkannte Wahrheit; auch wird sein Wesen als unbegreifbar nur metaphorisch geschildert. Es verwirft demnach jede Theogonie, auch jede Emanation und jeden Dualismus, welche alle dem Heidenthume natürlich eigen sind. Dies ist S. 105 ff. recht schön dargestellt. Sogar die kabbalistischen Ideen, obwohl heidnisch gefärbt, erscheinen hier noch als dem ächten Judenlhume angehörig. Eden so wird jede Kosmogonie adgewiesen, indem die Welt als Manifestation Gottes, nur durch den Verstand von ihm geschieden, in der Vernunft aber mit ihm als eins gesetzt; die Welt ist in Gott, nicht Gott in der Welt; er ist die Seele der Welt, aber nicht als von ihr umfaßt, sondern sie umfassend; also verschieden vom Pantheismus. Auch über den Logos findet sich hier eine eigenthümliche Ansicht. Bei der Darstellung der Vorsehung ist auch das heidnische Fatum und die astrologische Vorherbestimmung gewürdigt, in so fern sie Gegensätze zu dem jüdischen Glauben bilden. Hier wird der Unterschied zwischen dem historischen Pragmatismus und dem Anerkennen einer einwirkenden Vorsesehung auseinander gesetzt (118). Dieser Punkt gehört bekanntlich zu den schwierigsten, sowohl in der Theologie als in der Philosophie, und wir halten ihn hier für eben so wenig erledigt, als irgendwo sonst. Uebrigens widerspricht 118 unten dem, was S. 75, Z.11 gesagt ist, und bedurfte daher einer Erläuterung. — Die Lehre von der Welt zeigt, wie der Verfasser sehr richtig (S. 120) darstellt, auf dem Standpunkte der Religion nur den Unterschied von Geist und Natur und deren Verbindung im Menschen; das Heidenthum vereinigt sie schon in der Natur, und gewinnt daraus seine Götterbildungen. Das Judenthum hat Engel als geistige Wesen, ohne Gestalt und Namen oder charakteristisches Kennzeichen. Uns will übrigens die Nothwendigkeit der Engel in dem vorher dargestellten System nicht einleuchten, und so viel auch hier (124) aufgedoten wird, um diesen Mittelwcsen ihre Stelle anzuweisen, so folgt immer nur, daß solche geglaubt wurden, nicht aber daß sie angenommen werden mußten, in der Religion des Geistes. Der Gegensatz, wie Heiden thum und Judenthum den Menschen darstellen, ersteres als ein Sproß des von Gott abgefallenen Geistes, letzteres als ein Werk der Gottheit, ist sehr schön (129 ff) durchgeführt, und sehr richtig ist dargethan, warum dieses sich gegen jede Apotheose und Jncarnation sträubt. Auch der Unterschied beider in Betreff der Nationalität undOertlichkeit der Gottheit wird recht anschaulich vorgestellt, der ganze Particularismus ist (139) sehr treffend gewürdigt. Was die Unsterblichkeit der Seele betrifft, so sucht der Verfasser die Gründe zu entwickeln, weßhalb in der heil. Schrift so äußerst Weniges verlautet, da die Ueberzeugung davon zum System gehört (S. 131), doch will uns bedün-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.