Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 37 (10.9.1841)
- Date
- 1841-09-10
- Page
- Seite 293 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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293 machte, denselben bewogen, diese zu veröffentlichen. Wir halten dies Dokument für wichtig genug, um es den Annalen ganz zu übergeben. Sein Vortrag folgt hier in getreuer Uebersetzung. Meine lieben Brüder! — Das Herz des gerechten Menschen ist der Tempel, welcher der Gottheit am meisten wohlgefällt; aber um auf das Herz einzuwirken, muß man dasselbe durch eindrucksvolle und erbauliche Gebräuche zur Eintracht, zur Mildthätigkeit, zur Menschenliebe, welche die Seele unsrer Pflichten sind, stimmen und anregen; unsre Sinne müssen, durch Symbole geleitet, in uns das geistige Leben wecken; dahin zielt der Prunk des Cultus, der Glanz der Tempel, die Feierlichkeit der Feste, und der größte Theil der Gebräuche. Wenn diese Gebräuche alles Geschmacks und alles edlern Sinnes entbehren, wenn sie die Gefühle für das Schöne und Erhabene empören; wenn man statt eines religiösen Gesanges ein verworrenes Getöse vernimmt, welches zum Sprüchwort geworden; wenn seltsame Bewegungen und Körperdrehungen statt der Zerknirschung und der Andacht gelten; wenn mehr die Menge als der Inhalt in Betracht kommt; wenn mehr die Beweglichkeit der Lippen als der Aufschwung des Geistes vorherrscht, und das Herz nicht Theil hat an dem was der Mund ausspricht, — dann bringen die j Gebräuche nur die der ursprünglichen Absicht gerade entgegengesetzte Wirkung hervor; sie erzeugen Widerwillen, Mißfallen und Verachtung, und bringen den Cultus selbst in Verfall. Wenn ein Haus einzustürzen droht, muß man ausziehen oder es mindestens stützen; nur ein Sinnloser setzt sich der Gefahr aus, unter den Ruinen lebendig begraben zu werden; dasselbe gilt von unserm religiösen Baue, an welchem es seit lange kracht und sich verschiebt, und welcher nur wenig Spuren von seinem alten Dasein darbietet. — Vormals bildeten die Israeliten, eine unterdrückte Minorität, unter sich eine Gemeinde von besondern Sitten, Ansichten und Sprache, die natürliche Wirkung in einer Gemeinschaft der Sklaverei und des Unglücks. Isolirt, aus der großen Gesellschaft ausgestoßen, fanden sie gegen die Ungerechtigkeit der Menschen nur in den Tröstungen der Religion eine Zuflucht; daher ward bei ihnen alles zur Religion. Die unbedeutendsten Handlungen wurden in's Gesetzbuch eingeschrieben, und sollten zum Glück der Menge beitragen, die zur Trägheit und zur Unwissenheit gezwungen ward. Vor einem halben Jahrhundert hat nun aber die Stunde der Freiheit für uns geschlagen, und wenn die Zeit uns in ihrem Strome mit fortgerissen hat, indem sie Religion und deren Mißbrauch ohne Unterschied vermengte, so hatten wir das Unglück in einen Indifferentismus zu gerathen, welcher tausendmal beunruhigender ist, als die äußerste Gläubigkeit. — Wäre es nicht schmachvoll, wenn die im Staatsgesetze verbürgte Freiheit des Cultus für unsre Familien nur die Wirkung gehabt hätte, daß sie eine Religion verwahrlosen lassen, welche unsre Väter und unsre Zeitgenossen mit dem kostbarsten Blute vertheidigten, für welche seit Antiochus und Philopator bis zur Schlachtbank von Damask und Rhodus Millionen Opfer gefallen sind? und wenn weise und liberale Regierungen uns zum Mitgenuß der gemeinsamen Rechte herbeirufen, sollen wir die Asche unserer Väter so wenig ehren, um die Fahne der Religion zu verlassen, für welche sie sich hinschlachten ließen? Ach! wem sie wie wir der Weisheit ihrer Lehrsätze und der Gesetzgebung hätten entsagen wollen, welche alles was das Alterthum für das Dauerhafteste hielt, durch sie überlebt hat, wie viele Ströme Blutes wären weniger geflossen! Wie viele Leiden wären vermieden, wie viele unschuldige Opfer gerettet worden. Und von dieser Freiheit, nach welcher sie 20 Jahrhunderte seufzten, sollten wir nun den strafbaren Gebrauch machen, ihre Religion zu verleugnen! die Sache zu verrathen, für welche sie Vermögen und Leben und alle irdischen Güter preis gegeben hatten? Ein so inconsequentes Verhalten müßte uns aller Achtung und Werthschätzung in den Augen jedes Wohldenkenden berauben. Wir wären aber ungerecht, suchten wir die Ursache dieser überhandnehmenden Irreligion in der Ausartung des Herzens. Hat man nicht vielmehr jeden Gedanken an Verbesserung zurückgewiesen? Hatman nicht diejenigen unter uns als kecke Neuerungssüchtige bezeichnet, welche einen vernünftigen Cultus forderten? Einen geregelten Gesang, die Abschaffung der Gebete in prosaischen Reimen, die das Mittelalter geschaffen, und die unendlich lang sind; Religionsweihe für beide Geschlechter; Predigten über erhabene religiöse Wahrheiten in der Landessprache; Ordnung, Gesittung, Ehrfurcht und Anstand im Gotteshause; Trauerdienst zu Ehren solcher, die ihre Laufbahn durch edeln Sinn, Eifer und Frömmigkeit ausgezeichnet haben? — Hätte man diesen Forderungen seit 30 Jahren nachgegeden, hätte man die For-! derungen der Zeit erkannt und den Gottesdienst so erhaben eingerichtet, wie er es sein muß, so wäre der Indifferentismus nicht so herrschend geworden, man hätte nicht zu erröthen gebraucht, sich im Tempel zu zeigen, und unser Cultus, entkleidet von einer Menge nutzlosem und unbegreiflichem Wesen, welches jeden Menschen von Verstand und feinem Gefühl abstößt, würde nach seinem himmlischen Ursprünge gewürdigt werden, und könnte noch eben so viel Anhänger zählen, als er Mitglieder hat. Statt dessen hat! man so lange gezögert, bis der Schaden das Ganze ergrif-! fen hat, und das Nebel fast nicht mehr zu heilen ist. Es ist Zeit, diesem zunehmenden Uebel einen Damm entgegenzusetzen, die künftige Generation vor der drohenden Entsittlichung zu schützen. Es ist niemals zu spät, etwas Gutes zu vollführen, und wenn unter uns Leute sind, welche des Werkes sich nicht mehr erfreuen können, so mögen sie ihre Kinder bedenken; mögen sie dem Greise in der Fabel nachahmen, welcher für seinen Nachkommen pflanzt. Bringen wir unsern Cultus in Einklang mit unfern Sitten, unserer Bildung, folgen wir den zahlreichen Beispielen Deutschlands, Hollands (?), Belgiens (?) und Englands (?), und wenn wir noch nicht der Zahl nach stark genug sind.