Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 36 (3.9.1841)
- Date
- 1841-09-03
- Page
- Seite 285 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3133765-3133874-3133911--1294-3135527- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
285 und Geistlichen Stande, die alle vermittelst Billete zu dieser Feierlichkeit eingeladen wurden. Im zweiten Saale befanden sich die Schüler der Anstalt, und im dritten ihre Eltern, der hiesige Kahal, die hiesigen Kaufleute und andere ansehnliche Personen der hiesigen israelitischen Gemeinde. — Bei'm Erscheinen der hohen Gäste wurden sie mit Musik empfangen, und die Schüler begrüßten sie alle einstimmig. Nach kurzer Zeit traten 4 Schüler hervor, 2 eröffneten die Vorhänge, worauf mit einem Male die Kaiserbüste sammt dem Adler und den Tafeln sichtbar wurden; die andern 2 sagten zu selbiger Zeit die über dem Adler stehende Aufschrift (einer in russischer, der andre in deutscher Sprache): „Es lebe Kaiser Nicolaus i. ewig!" und es antworteten alle Schüler in einer Stimme dann: Amen. — Nachher hielt der hiesige Rabbiner, Herr Israel Gordon,eine deutsche Rede, welche der Lehrer der russischen Sprache in dieser Anstalt, Herr Lewauda, bald darauf in russischer Uebersetzung vorgelesen hatte, und als er bei'm Schluffe war, wo es heißt: „diesen Tag hat Gott gemacht, wir jauchzen, wir freuen uns an ihm," überraschte alle Anwesenden die Musik mit einer frohen dazu gepaßten Melodie. Hernach verrichtete der Kantor der hiesigen Hauptsynagoge ein Gebet für das Wohl des Monarchen und des ganzen Hohen Kaiserl. Hauses, und als er den Namen Sr. Majestät des Kaisers ausgesprochen, kamen zwei Schüler aus dem zweiten Saale in den ersten hinein, nahmen den von Herrn Klatschko ihnen überreichten Lorbeerkranz, bekränzten damit die Kaiserbüste, wobei andere zwei Schüler, die zu dieser Zeit erschienen, ausriefen (einer Russisch, der andre Deutsch)! „Es flechte Dir die Zukunft den Kranz des ew'gen Ruhmes!" worauf abermals ein allgemeines „Amen" von den Schülern erfolgte. — Nach diesem hielt wieder der Kantor einen Segen Sr. hohen Ercellenz dem Herrn Minister der Volksauftlärung und allen übrigen erhabenen Anwesenden; und zum Schluffe der Feierlichkeit sangen die Schüler im Chor (Russisch), mit Begleitung der Musik, das bekannte Volkslied: „Gott segne den König." Wir sind auch so frei, unsre schwachen Arbeiten bei Gelegenheit dieser Ferer hiermit beizulcgen: Wir lassen hier die deutsche Rede des Herrn Günzburg folgen: Rede des Herrn M. Günzburg. Text: nvn M K. (Pf. 118. 24.) Rufe ich mit unserm königlichen Sänger. Ja, wir frohlocken, wir freuen uns ob der Geburt unsers großen Herrschers, denn mit ihm ist auch dem politischen Horizont ein Stern erster Größe aufgekommen; uns ist er eine Sonne, deren Strahlen uns erleuchten, deren Gluth uns erwärmt; ja, wie die Sonne theilet Er allgütig sein Licht und seine Wärme allen Orten, allen seinen Unterthanen aus, ohne Unterschied des Standes und der Religion. Drum freuen uns wir alle an diesem Tag, und jeder, der das Glück hat, Bürger dieses Weltreiches zu sein, eilet an diesem Tag in sein Bethaus, der Christ in die Kirche, der Israelit in die Synagoge, der Muselmann in die Moschee, um Gott zu danken, und für das Glück dieses milden Herrschers zu beten. Und froh kehren sie nach ihrer Heimath zurück, der Fürst in seinen Marmorpallast, der Bettler in seine Hütte, und freuen und vergnügen sich an diesem Tag; denn diesen Tag hat Gott gemacht, wir frohlocken, wir freuen uns an ihm! (T e x t.) Rufen besonders wir Israeliten. Denn dieser Herrscher ist es, der uns die Bahn zur Emancipation geebnet hat. Er lud uns zwar die schwerste Pflicht auf, gab uns aber das ehrenvollste Amt des Bürgers, nämlich die Vertheidigung des Vaterlandes in den Reihen der tapfern Krieger Rußlands, und muthig streitet der Israelit an der Seite seines christlichen Bruders für die Ehre seines Kaisers. Und mehrere unserer Krieger erheben mit edlem Stolz ihr Haupt, und hoch schwellet auf ihre mit Schaumünzen und Ordenszeichen geschmückte Brust, und zernichtet ist das alte Vorurtheil: „es ist kein Quentchen Muth bei den Nachkommen der Maccabäer mehr zu finden," denn das Wort unsers Kaisers hat unsre Ehre gelöst. Das Recht des Herrschers ist Befehle zu ertheilen, die Pflicht des Unterthans, diese Befehle zu vollziehen (dünken sie ihm auch zur Zeit nicht gut und nützlich). Die Obliegenheit der Volkslehrer und der Erzieher der Jugend ist es, das Volk für die Verordnung der Regierung empfänglich zu machen; ihre Vorurtheile zu zerstreuen, chre Vernunft aufzuklären, und ihnen einleuchtend zu machen, daß die Regierung nur das Beste des Volkes wünscht, daß alle ihre Verordnungen nur den Nutzen des Landes befördern; und dann gehorchet das Volk ohne Zwang, ohne Gewalt dem Willen ihrer Obrigkeit. Und zu diesem großen Zweck ist diese kleine Schule gestiftet worden, in welcher den Kindern von Anfang ihrer Erziehung an Liebe zu ihrer Obrigkeit eingeflößt, und Kenntniß der Landessprache und ihrer weisen Gesetze beigebracht werden soll. Und nach Jahren und Tagen, wenn diese unsre reine Absicht gelungen sein wird, dann freuen wir uns an diesem Tag. (T e * t.) Ruft endlich die hiesige Gemeinde. Denn hoch schlägt ihr Herz auf bei diesem herrlichen Anblick; sie sieht alle hohen Autoritäten, geistliche und weltliche Würdenträger, Organe unsrer hohen Regierung, Handhader der Kaiserlichen Befehle, die so nahe dem Throne sind — ver sammelt in einer kleinen israelitischen Schule, um wenige arme Hausväter in ihrem guten Vorhaben zu stärken, um wenige- Schulknaben in ihrer Bildung aufzumuntern. Wahrlich, ein großes Siegesfest ist es, das die Toleranz über Religionshaß feiert, und die Aufklärung triumphirct über Fanatismus. Und wir, die wir diesen großen Tag erlebt haben, rufen mit Freudenthränen: „Diesen Tag hat Gott gemacht, wir frohlocken, wir freuen uns an ihm! Königsberg in Preußen im Juli. — Gegen das Ende des vorigen Monats fand hier die Einsegnung der