Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 36 (3.9.1841)
- Date
- 1841-09-03
- Page
- Seite 283 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3133765-3133874-3133911--1292-3135525- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 283 - Einige freundliche Bemerkungen von vr. I. L. Saalschutz in Königsberg, gegen Herrn Consistorialrath und Professor vr. Kahler. (Schluß.) Wie sollten wir nun nicht gern und freudig bekennen, in so weit Theil zu nehmen an Dem Heile des Christenthums, als wir jetzt unter Brüdern leben, die uns in unserm Glauben begreifen können, die religiös-sittlich mir uns dieselbe Sprache reden. Denn—und dies können wir ferner nicht umhin , in Liebe frei auszusprechen — die Lehre, die mit dem Chriftenthume in der Menschheit einheimisch ward, die mit ihrer moralischen Macht so segensreich alle Verhältnisse durchdringt, sie ist wesentlich zugleich auch die israelitische Lehre, die noch nicht erstarret, noch in voller Lebenskraft und Frische zu wirken im Stande ist, wo sie nach dem ihr inwohnenden wahrhaft göttlichen und reinen Geiste begriffen und gelehrt wird. Wenn wir die höchsten Sätze einer geläuterten Moral vortragen, von Den Tröstungen einer heiligen Zuversicht sprechen, so wähnen Christlich-Gläubige die Lehren ihrer Religion zu vernehmen. Aber wir sind uns dabei wohl bewußt, Nichts zu sagen, was unfern Glaubensquellen fremd, nicht dem Geiste und dem klaren Ausdruck unserer heiligen Schriften gemäß wäre, jenem Geiste ewiger Erlösung, der sich ihnen gleichfalls (wenn auch im israelitisch-dogmatischen Sinne) uns offenbaret. Allerdings ist dies eben ein Gegenstand des Streites, und wir tragen selbst, durch unser, die gemeinschaftlichen Interessen der Wahrheit verrathendes Schweigen die meiste Schuld, wenn noch immer in so vielen Schriften das alte Testament mit seinem Knechtsdienste dem neuen als der Lehre der Liebe entgegengestellt wird, um auf diese Weise den ethischen Fortschritt und die Erziehung des Menschengeschlechtes darzuthun. Wir aber behaupten, daß jener Gegensatz gar nicht exiftire, daß dieser Fortschritt zwar in dem sich allmählig veredelnden Menschengeschlechte, aber nicht in der göttlichen Sittenlehre Statt finden könne. Wir können es nicht denken, wie je eine Lehre über jene Grundprincipien hinausgehen möchte: Liebe Gott mit ganzem Herzen, ganzem Leben, alle» Kräften *). Sei heilig, wie Gott es -) 3. Mos. 19, 2. j ist2)! Sei gottähnlich, zumal in der Liebes! Betrachte Jeden, auch den Nichtisraeliten *), auch deinen heidnischen Knecht und deine Magd 5), auch deinen Feind °) als deinen Mitmenschen, als Gottes Kind7) und Ebenbild 8) und liebe ihn wie dich j selbst8)! — Sätze, die so klar und vielfach in dem j alten Testamente wiederholt werden, in unfern täg-! lichen Gebeten wiederhallen, die wir mit den The-! phillin bei'm Gebete an uns tragen, an die Eingänge! unserer Wohnungen schreiben und an welche die Ge-! betsschnur uns symbolisch erinnern soll: Liebe Gott! über Alles! Gedenke aller Gebote Gottes! Sei hei-! lig wie er es ist! — Man hat zwar gemeint, Wider-! spräche gegen diese Lehren in andern Stellen aufzuj finden, namentlich in solchen, die die Gerechtigkeit! Gottes, die (eben um der Liebe willen) Dem Frevel | verderblich sein muß, nach ihren sichtbaren Folgen,! unter dem Bilde des menschlichen Zornes darftel- ' len. Aber Gott kann sich selber nicht widersprechen, j „er ist kein Mann, daß er lüge, kein Mensch, daß! er sich bedenke 9). Solche Stellen geben auch, wohlj verstanden, nicht den Sinn, den man ihnen beilegt,! und ihr Widerspruch gegen den Geist der Liebe, der : durch das alte Testament wie durch das neue wal-! tet, ist nur Schein. Auch in dem letztern, dem! neuen Testamente, giebt es dem Geiste der Liebe i scheinbar widersprechende Stellen 10) (wie schon ein! gelehrter Katholik bemerkt Hai).") Aber wer wird * diesen Schein des Widerspruchs für Wahrheit neh-; men? — Also unsere Moral ist, und zwar in ihrem or- I ganischen, aus den Grudsätzen des Monotheismus! sich entwickelnden Zusammenhänge, wie es hier j freilich nur flüchtig angedeutet werden kann, ganz; und vollständig die christliche, so wie die letztere ganz I -:- j 2) 5. Mos. 10, 17—19. | 3) 3. Mos. 19 , 33—34. ») 5. Mos. 5, 14. 15. Hiob 31, 13-15. *) 3. Mos. 19, 17. 18. Spr. 10, 12. 24 , 29. 25, 21. 2. Mos. 23, 4. 5. Sir. 28, 1 ff. Ps. 7, 4—6. 2. Sam. 1, 12. 17 ff. Hiob 3, 29. 6) Mal. 2 , 10. ') 1. Mos. 1, 27. Ps. 8, 7. «) 3. Mos. 19, 18. 34. 9) 4. Mos. 23, 19. >°) Z. B. 2. Tim. 4, 14: „Alerander, der Schmidt hat mir viel Böses erwiesen. Der Herr bezahle ihm nach seinen Werken." ll) Zahn, bibl. Archäol. Th. in. S. 130. 36*