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Israelitische Annalen · 1841-09-03 · Heft 36 (3.9.1841) · p. Seite 282

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1841
Issue
Heft 36 (3.9.1841)
Date
1841-09-03
Page
Seite 282 (sequence 2)
Language
German
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282 Herkommen so in sich selbst feftgestellt, und die Autorität der Bücher, welche das Leben regeln, so entscheidend, daß es schwer hält, neue Prinzipien zu ermitteln, um der kirchlichen Weihe eine andere Unterlage zu geben. Daher sehen wir in den israelitischen Gemeinden Englands eine starre Einheit, gegen deren innere Dauerhaftigkeit die wenigen, meist von außerhalb eingewanderten Mitglieder, welche sich nicht so streng anschließen, fast verschwinden. Die dortige Pünktlichkeit in Ausübung aller der als religiös bezeichneten Vorschriften, sowohl der kirchlichen als häuslichen Ritualien, überrascht, wenn wir nicht irren, selbst die allerftrengsten Traditionellen aus Deutschland. Welche Stimmung diese Erscheinung in ihrer Allgemeinheit in dem Denkenden erzeugen müsse, ob eine hohe Achtung vor dieser eigenthümlich selbstständigen Haltung, die immerhin selbst bei schwachem Bewußtsein von einer kräftigen Natur zeugt, oder ob Bedauern über eine Kristallisirung, in welcher alle Bewegung erstorben zu sein scheint, — wir mögen nicht entscheiden, welche die rechte sei; unserm subjectiven Gefühle hat sich mehr von erfterm aufgedrängt, so sehr wir der wahren religiösen Beweglichkeit huldigen, und so sehr wir wünschen möchten, daß jenes Bewußtsein sich lebendiger darstellte, und durch eine größere Anzahl tüchtiger und vorwärtsftrebender Geister an's Licht trete, als es bis jetzt der Fall war und ist. Und dies ist auch die in England herrschende Meinung über das Judenthum, das in sich keinesweges als Abnormität angesehen und angefeindet wird, sondern dessen Grundsätze wie in jeder antichristlichen Richtung dem Kampfe unterliegen, und nur in so fern lieber angegriffen werden, als der Sieg des Chriftenthums auf diesem Gebiete dem Clerus etwas wichtiger erscheint, weil die Beziehungen der beiden Kirchen historisch verwandter sind. In den Vertretern der jüdischen Lehre, namentlich den beiden Rabbinen der spanischen und der deutschen Gemeinde, sieht man nur Männer, welche ihrem Berufe als Rathgeber in Gewissens- und Kirchensachen und nothwendige Beistände in gewissen Familien-Ceremonien (Hochzeiten re.) obliegen, und hierin keine weitere persönliche Autorität erstreben, als die, welche ihnen vermöge des allgemeinen Vertrauens theils gebührt, theils aus Pietät zugestanden wird. Die Persönlichkeit derselben wird daher für jetzt kein Moment bilden, um aus ihrer individuellen Gesinnung deh"Starid der Verhältnisse zu erkennen oder herzuleiten, wenn gleich sich nicht leugnen läßt, daß die theilweis^zu weit getriebene Pietät für den achtzigjährigen deutschen Rabbinen, Mr. Hirschel, welcher ein haldesJahrhundert hindurch an der Spitze aller dortigen Gemeinden stehend , sich stets jedem leisen Fortschritt widersetzt hat, manche Hemmung der wohlthätigen Einflüsse unsrer Zeit entschuldigen muß. Je weniger aber bei diesen Männern das eigentliche innere religiöse Leben eine Anregung erhält, und je mehr sie sich völlig mit Aufrechthaltung.der Form begnügen, die sie vielleicht als an sich zur Heiligung führend betrachten, desto stärker regt sich bereits in den Vorständen der Gemeinden, die aus dem intelligentern und gebildetern Theile derselben gewählt werden, das Gefühl der Unzulänglichkeit jener Formen, insbesondere in der öffentlichen Uebung des Gottesdienstes, und dasselbe har bereits eine solche Stärke erlangt, daß mancherlei höchst wohlthätige Veränderungen gegen die Einreden des Oberrabbiners durchgesctzt worden sind. Wir haben nicht alle Synagogen besuchen können, und mußten uns auf einen vollständigen Sabbathgottesdienft Abends und Morgens in der Deutschen, und einer thcilweisen Morgen-Andacht in der Portugiesischen beschränken. In beiden fanden wir die sonst so sehr verwahrlosete musikalische Seite bedeutenveredelt, in der deutschen Gemeinde (die übrigens nur nach ihren altern Elementen deutsch heißen kann) den Chor, durch die Sorgfalt des Herrn Vorsängers Sim. Ascher, eines ausgezeichneten Tenoristen, unter der Leitung des um die Gemeinde höchst verdienten Herrn Henry Kohen, so vortrefflich eingeübt, daß wir wahrend des Gesanges eine lebhafte, das ganze Gemüth durchziehende Erbauung empfan-. den, und daß sich uns die lebhafte Ueberzeugung *) aufdrang, es sei hier keinesweges das religiöse Leben erstorben, sondern es suche'die rechte Nahrung, um frischer und kräftiger aufzublühen. (Fortsetzung folgt.) *) Zur Vermeidung einer unrichtigen Darstellung der Sache kalten wir es für Pflicht, hier anzuführen, daß die Gemeinde sich nach dem lebendigen Worte ernstlich sehnt, und aus diesem Grunde, nach geschehener Privatanfrage an den obigen Berichterstatter, ob er geneigt sein dürfte, am nächsten Sabbath einen öffentlichen Vortrag in englischer Sprache zu halten, und auf dessen Erklärung, daß er, wenn ihm eine documentirte Aufforderung zeit g genug zuginge, sich wohl bereit finden würde, den Beschluß zu letzterer in einer sofortigen Sitzung gefaßt hat, der Rabbiner jedoch ihn nicht bestätigte, was sich theils aus seiner Abneigung gegen englische Vorträge, theils aus der Verschiedenheit der Ansichten leicht erklärt. —

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