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Israelitische Annalen · 1841-08-27 · Heft 35 (27.8.1841) · p. Seite 276

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1841
Issue
Heft 35 (27.8.1841)
Date
1841-08-27
Page
Seite 276 (sequence 4)
Language
German
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276 Deutschland wohnen, an deutschem Leben und Streben Antheil nehmen. Ja, man kann noch weiter gehen «nd sagen: die Biidungsmittel sind überall zu freier Benutzung da, so für den Einheimischen als selbst für den Fremden, wie die Straßen, die durch die Lander führen, wie die Luft, die wir erquicket athmen, wie das Brod, das aus der Erde sprießet, sei es nun von deutscher oder anderer Hand gepflegt. Wäre z. B. ein deutscher Protestant in Italien, in einer katholischen Schule wissenschaftlich gebildet worden, dürfte er dann nicht mehr deutscher Protestant bleiben, ja, würde er nicht um so mehr gelobet werden, je mehr er es bliebe, und mit ihm die, die es ihn bleiben ließen, die ihm die Wissenschaft und Kunst gaben, ohne nach seiner Confessio« zu fragen? Um so mehr dürfen wir ruhig bleiben, wenn wir um der deutschen Bildung willen, die wir uns angeeignet, uns nicht unseres Jsraclitenthums entäußern. Der geistige Schatz der Menschheit gehört einem Jeden, ohne Rücksicht auf seine Abkunft oder Denkweise, gleich wie auch ein Jeder die dringende Verpflichtung hat, ihn zu fördern und zu mehren, und dies haben denn auch Israeliten, so weit man sie zuließ, redlich gethan, im Bereiche der Kunst und des Wissens haben gewiß auch sie ein Recht, mit Ehren genannt zu werden. Jedoch, vielleicht ist die allgemeine Bildung der jetzigen Menschheit, ihrem Wesen nach, io sehr eine christliche, daß wir mit ihr unwillkührlich christliche Elemente in uns aufnahmen,' so schon zum Theil, unserer Denkweise nach, zu Christen wurden. Hier müssen wir vor allem wissenschaftliche und religiöse Bildung unterscheiden, um von beiden nach einander zu sprechen. Was nun zuvörderst die wissenschaftliche Bildung betrifft, so ist es bekannt, daß sie ursprünglich kein Erzeugniß der Christen oder 'des Christenthums sei. Sondern sie war schon da, und zwar in hoher Blüthe, als das Christenthum entstand, und wurde noch lange außerhalb seines Kreises gepflegt. Wollten wir den Griechen und Römern und Orientalen, und unter ihnen namentlich den Arabern, Alles wiedergeben, was sie uns gebracht, wir würden uns doch mitunter des Schönsten entäußern. Und auch jetzt — sind cs nicht die Griechen, die unsere Jugend begeistern, uns zu Vaterlandsliebe wecken? Ist es nicht der edle große Sinn der Römer, sind es nicht die Heiden Cyrus und Alexander, Cäsar und Achilles, ist es nicht klassische Dichtkunst und Beredsamkeit, das ganze Sein und Wirken jener alten Völker, die in dem erwachende« Herzen so viele Keime des Großen und des Edlen wecken? Also die Wissenschaften wurden der jetzigen Welt zunächst von nichtchristlichen Völkern überlieliefert (zu denen man, was wenigstens die theologische Gelehrsamkeit und viele wichtige historische und archäologische Data betrifft, auch die Israeliten zählen muß), und bis auf dieser; Tag findet die wissenschaftliche Bildung in den reichen Schätzen, die jene uns hinterließen, ihre bedeutendsten Mittel. Eine große Veränderung aber ist mit den Wissenschaften vorgegangen, nämlich, daß sie sich überall von den Jrrthümcrn des Polytheismus frei gemacht haben und sich in der reinen Sphäre des Monotheismus bewegen, also im Bereiche einer Erkenntniß, die den Israeliten und Christen gemeinsam angehört. Dagegen hat wohl die dogmatische Gestaltung und Besonderheit des Christenthums, namentlich auch in seiner Verschiedenheit vom israelitischen Glauben, eben so wenig als auf die Entstehung, so auch auf den gegenwärtigen Fortschritt der Wissenschaft irgend einen Einfluß. Daß christliche Fürsten die Wissenschaft fördern (was auch edle heidnische gethan), daß christliche Lehrer (unter denen doch aber auch, wie S. 170 mit edler Anerkennung bemerkt wird, viele von israelitischer Abkunft) dieselbe lehren, muß ihnen zwar zum hohen Ruhme gerechnet werden, und ist in so fern auch dem Chriftenthum selbst zu danken, als es dies nicht hindert, sondern vielmehr begünstigt, als es sich nicht, wie in Zeiten, da es mißverstanden ward (und damals waren es namentlich Juden und Araber, die die Wissenschaft trugen und pflegten), der Forschung und dem Lichte finster und feindlich gegenüber stellt; aber dies macht die Wissenschaften noch nicht zu christlichen, im dogmatischen Sinne des Wortes. Welchen nothwendigen Zusammenhang z. B. hätte die Philologie, Geschichte und klassische Archäologie, die Stern- und gesammte Naturkunde, die Medicin und Jurisprudenz u. s. w. ihrem eigentlichen Inhalte nach mir dem Dogmatischen Christenthume? Selbst die Philosophie, die mit Religion in den nächsten Beziehungen stehet, kann doch in ihrem aprioristischen Verfahren nicht von offenbarter Lehre ausgehen. Sie wird also nicht zugeben, daß das positive Chriftenthum den Gang ihrer Untersuchungen beherrsche und leite, sondern sie kann

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