Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 35 (27.8.1841)
- Date
- 1841-08-27
- Page
- Seite 274 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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274 Streitschrift zu werden. Es wäre nur Beleuchtung «ines gemeinsam wichtigen Gegenstandes von verschiedenen Standpunkten aus, ein wissenschaftlicher Tausch der Ansichten. Es würde sich aus einer solchen Schrift, zumal durch manche, bisher noch nicht in Erwägung gezogene Data, vielleicht ergeben, daß beide, das Judenthum wie das Christenthum, in der hohen Einheit ihres gemeinschaftlichen, ewigen Gedankens, ihre Versöhnung finden, daß beide, mitten in der Heidenwelt, die uns noch umftarret, ihre göttlichen Missionen haben, die sie demselben Zwecke, wie größtentheils mit den gleichen Mitteln, entgegen streben lassen (nur daß hier etwa mehr das dogmatische, dort mehr das historische Element vorwaltet), daß gleichwie die Gläubigen des Christenthums, so auch der Israelit sich seine Aufgabe nicht eigenmächtig entziehen darf, die ihm Gott gegeben, bis sie der Herr ihm wieder abnimmt, was aber doch nicht eher geschehen kann, bis in Erfüllung gegangen das Wort der Propheten: rrro wnn dvs "iriiN: -iny 'n „an dem Tage wird der Ewige einzig und sein Name einzig sein" (Sach. 14, 9.)! Nur die Wichtigkeit des Gegenstandes, die ruhige Umsicht und volle geistige Sammlung, die er erfordert, ließ mich bisher diese Arbeit hinausschieben, an welche aber mit nächster Muße zu gehen, mir jetzt eine neue, eben so dringende als ehrenvolle Veranlassung dargeboten ward. Ich will mich demnach für jetzt darauf beschränken, nur über einen der vom verehrten Manne ausgezeichneten Punkte einige Worte zu sagen, nach welchem derjenige Israelit, der mit den Mitteln neuerer Bildung die Interessen seiner Religion zu fördern strebt, fast als ein Undankbarer erscheinen muß, und zwar gegen das Volk, unter welchem wir leben, gegen das Christenthum, welches als die eigentliche Quelle dieser Bildung zu betrachten sei, ein Vorwurf, der, wenn er in der That zweifellos wäre, uns tief treffen müßte. Nach S. 142 (und auch sonst in der gelehrten Welt häufig vernommenen Ansichten, auf die ich im Allgemeinen mich mit beziehen will) würde nämlich der Israelit, den man etwa fragte, woher er seine Glaubensbildung und Festigkeit, diesen „Geist ewiger Erlösung" habe, „der seinen Glaubensquellen fremd sei," so wie die Kunst, seine Gedanken in klassisch-gerechter Weise auszusprechen — hierauf antworten müssen, diese formal nicht hebräische Beschaffenheit des Denkens und der Darstellung komme von der veränderten und erweiterten Bildung des Zeitalters und namentlich des Volkes , in welchem er und seine Glaubensgenossen jetzt und seit Jahrhunderten als Enklaven lebten. — Mit dieser Bildung aber stehe (S. 143) die christliche Religion unstreitig in engerer und wohlthärigerer Verknüpfung, als die des Israeliten, der sich so (S. 164) überall von christlicher Bildung berührt finde; ja selbst die höchsten Gedanken, die dem Judaismus vindicirt würden, seien (S. 164) nur eine aus dem Chriftenthum gegriffene geistige Ausbeutung dessen, was die letzten und geistgebildetften Seher des israelitischen Volkes nur symbolisch dunkel angedeutet. Müßte nun der so gefragte Israelit, dürfte er dies Alles zugeben? Ist die jetzige Zeit- und Volksbildung, in der That so ganz das Erzeugniß und,Eigenthum dieser Zeit und dieses Volkes und einer bestimmten Religion, ist des Israeliten wahrhaft religiöse Art zu sein, ist jener Geist ewiger Erlösung, dessen Wiederhall er in seinem Herzen trägt, den er begeistert auszusprechen sich gedrungen fühlt, mit so vollem Rechte als christlich, nur als christlich zu betrachten, daß es ihm von dieser Seite (denn einer wahrhaften, dogmatischreligiösen Ueberzeugung wollen wir ihre volle Berechtigung nicht absprechen) natürlich, ja Pflicht wäre, ganz in dieser Zeit und dieser Glaubens form seines Bruder-Volkes mit all seinem Jsraelirenthumr aufzugehen und sich zu verlieren? Gern und freudig bekennen wir, die wir das Glück haben, in Deutschland, in Preußen zu leben, daß wir unserer Geistesbildung und Richtung nach, Deutsche, daß wir Preußen sind. Ja, wir nennen dies Land in so hohem, heiligen Sinne unser Vaterland, wir denken, wir fühlen uns, in Minen unsrer Christenbrüder, als sein Volk, so fest, so wahr, daß wir Dessen — Leben und Tod zu Zeugen rufen dürfen. Daß wir uns nicht losreißen von unserer Geschichte, weil sie uns so viele Dankbarkeit gegen Gott lehrer, daß es uns noch immer unwandelbarer, heiliger Dienst zu sein scheint, die Urtafeln der Sinaitischen Lehre zu bewahren, weil sie der Ewige uns zu tragen gab, dies läßt uns nicht minder treu in dem Grund und Boden des Deutschen Sein's uns anbauen, zumal da das, was uns verbindet, man mag es nun „Nationalität" oder„Stammes-Religion" nennen, keines Erdenplatzes bedarf, um in ihm zu