Mannheim
Compact Memory

Israelitische Annalen · 1841-07-16 · Heft 29 (16.7.1841) · p. Seite 230

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Annalen
Volume
1841
Issue
Heft 29 (16.7.1841)
Date
1841-07-16
Page
Seite 230 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3133765-3133874-3133904--1232-3135458
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

230 Die Sprache ist die Zierde der Menschheit, das Band der Völker, der Saamcn und die Frucht der Bildung, und nicht ohne große Bedeutung auch für den innern sittlichen Charakter des Menschen. Sie bestimmt sehr oft auch den vortheilhaften oder nachtheiligen Eindruck, den derselbe auf seine Mitmenschen macht. Die Ausbildung dieser göttlichen Gabe ist ein wesentlicher Gegenstand der Erziehung. Es ist eine bekannte Sache, daß sich in frühern Zeiten ein entarteter sogenannter jüdisch-deutscher Dialekt gebildet hat. Er charakterisirt sich unter andern durch unrichtige, zum Theil widerliche Aussprache und Betonung, unrichtige Constructionen, Untermischung von verdorbenen hebräischen Wörtern, wodurch die heilige Sprache nur entwürdigt und nicht selten Stoff zu Argwohn gegeben wird, und einen, ganz dem Geiste und den ausdrücklichen Verboten der isr. Religion zuwidcrlaufenden, häufigen Gebrauch von Schwüren, Betheurungen re. Der größere Theil der isr. Glaubensgenossen hat sich durch die gewonnene Bildung längst davon losgesagt, und nur bei einem Thcile der untern Klassen hat sich solcher noch erhalten. Die Erfahrung lehrt, daß solche dadurch nicht allein bei andern Glaubensgenossen ein Gegenstand des Spottes und der Verachtung werden, sondern selbst bei ihren eigenen Glaubensgenossen ein abstoßendes Gefühl erregen. Beides ist in -eder Beziehung ein Uebel. Die Beseitigung dieses für die moralische und bürgerliche Bildung so nachtheiligen Mißstandes erfordert alle Aufmerksamkeit der isr. kirchlichen Behörden. Sämmtliche Rabbiner, Bezirks-Synagogen und Synagogenräthe werden daher aufgefordert, demselben bei jeder Veranlassung in ihrem Wirkungskreise auf jede Weise entgegenzuwirken. Vorzüglich aber werden die Schullehrer ermahnt, bei dem Zugendunterrichte nach allen Kräften dahin zu wirken, daß der Gebrauch jener korrupten Redensarten der Heranwachsenden Generation in und außer der Schule ganz fremd bleibe. Von Seiten der Eltern erwartet man hierbei, da solches nur die Bildung und das bürgerliche Wohl ihrer Kinder betrifft, die zur Erreichung des Zweckes nothwendige Unterstützung in der häuslichen Erziehung. Es versteht sich übrigens von selbst, daß Alles, was Affectation und Ziererei in der Aussprache bei der Jugend veranlassen könnte, hierbei sorgfältig zu vermeiden ist. Auch ist sehr zu verhüten, daß durch die Abwarnunz der Jugend gegen jene veraltete Gewohnheit nicht eine Geringschätzung gegen Diejenigen bei ihr erzeugt werde, die solche unverschuldet angenommen haben, am wenigsten gegen Diejenigen, denen sie Liebe und Achtung schuldig ist. Der Ministerial - Commissair: Beks. Epstein. Wir fügen noch hinzu, daß die Einschärfung ähnlicher Bemerkungen nicht bloß auf dem weiten Gebiete der deutschen Zunge, sondern für's Französische im Elsaß und in Lothringen, und für's Italienische im nördlichen Italien von derselben Wichtigkeit wäre. Damit aber die wahren Freunde der Muttersprache sich nicht etwa mit der erfreulichen Erfahrung, daß wir bereits in den gebildetern Gegenden vollständig den Zweck erreicht haben, cinwiegen, möge hier noch folgendes bemerkt werden. Die Spuren früherer Corruptionen sind bei weitem noch nicht vertilgt, und selbst bei vielen wissenschaftlich vorbereiteten Lehrern und in gebildetern Familien ganzer Gegenden finden sich noch fortwährend Accentuationen mehrsylbiger Wörter, Anwendungen der Synonyme, und besonders Verwechselungen der zusammengesetzten Conjugationsformen, welche selbst dem ungebildeten Sprachgefühle Anstoß geben. Besonders aber wird der Gebrauch der minder gewöhnlichen Fremdwörter, namentlich der biblischen, trotz der Umwandelung derselben in die deutsche Form, sehr häufig eine unrichtige, d. h. eine dem deutschen Sprachgebrauch zuwiderlaufende Aussprache darbieten. Sogar in Schriften fallen noch Verwechslungen auf. Diese allgemeinen, leicht durch Beispiele zu belegenden Bemerkungen mögen vorläufig genügen, um darauf hinzuweisen, daß der Gegenstand noch der eifrigsten Sorgfalt unterworfen werden muß, wenn man die widrigen Folgen früherer Verderbnisse gänzlich vertilgen will. In Rücksicht der Lehrer könnten die Eram in at oren vorzugsweise darauf sehen, daß nur solche eine dauernde Anstellung erlangen, welche eine ganz reine, auch in den Kunstausdrücken richtige und fehlerfreie Aussprache sich angeeignet haben. Nachrichten und Correspondenzen. London, 6. Juli. — Wie sehr die Israeliten Hierlandes an den öffentlichen Angelegenheiten Theil nehmen, beweist die treffliche Wirkung der von Herrn Goldsmid, einem der thätigsten Beförderer der Emanzipationsfrage und außerdem um Londons verschiedene Anstalten hochverdienten Manne, durch die Zeitungen erlassenen Aufforderung an die Israeliten Englands, sich bei der neuen Wahl einem Ministerium, welches so sehr die Gleichheit des Rechtes in Schutz nimmt, dankbar zu beweisen. Ueberall stimmen die Israeliten ministeriell. Lord John Rüssel darf mindestens einen bedeutenden Theil seines Uebergewichts der lebendigen Mitwirkung der hiesigen Israeliten beimessen. Wenn ein Blatt die Israeliten beschuldigt, an einigen Orten ihre Stimmen den Tories verkauft zu haben, so ist dies offenbar nur eine Vermuthung, welche sich auf einige Stimmen gründet, die in der Thal aus einer andern Ansicht hervorgingen. — Morgen, als am 7ten d., wird Sir Moses Montefiore den Tag seiner vorjährigen Abreise durch eine sehr gewählte dinner party feiern. Diese Unternehmung ist allerdings des ehrenden Andenkens würdig.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.