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Israelitische Annalen · 1841-07-16 · Heft 29 (16.7.1841) · p. Seite 229

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1841
Issue
Heft 29 (16.7.1841)
Date
1841-07-16
Page
Seite 229 (sequence 5)
Language
German
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229 Staaten in die Gewalt der Römer brachte, ein solch entsetzliches Schicksal erlitten? Zugegeben selbst, daß die Juden zu Christi Zeiten, trotz ihres Heldenmulhes, bloß wegen Nicht-Erkenntniß ihres wahren Heiles (denn das sollen alle solche Tiraden sagen) ihr Vaterland verloren und in die Sklaverei geriethen, — kann man den spanischen Juden, die ein Muster der größten Tugenden waren, eine sittliche Verblendung vorwerfen, die ähnliche Folgen erzeugen konnten? Was sie als Weirerwirkung der Verirrungen jener Vorzeit zu leiden hatten, das litten sie auf der pyrenäischen Halbinsel genugsam; denn ihre Lage war bei aller Wohlhabenheit im Einzelnen, doch im Ganzen wahrlich nicht beneidenswerth. Zu einem Strafgerichte ist also hier gar kein Grund, und es ist zu beklagen, daß noch immer Männer, die im Großen recht klar sehen, aus bloßer Sucht, ihre unvertilgbar eingepsianzten Vorurtheile zu beschützen, in einzelnen Thatsachen, die sie überall sonst richtig würdigen, da wo solche mit jenen in Confiikt gerathen, alles anders sehen, und irrcleitend darstellen. Die Vertreibung aus Spanien war übrigens zwar unheilvoll für die persönlich Leidenden, dagegen im höchsten Grade erfolgreich für die Entfaltung des Judcnthumes selbst, welchem dadurch auf dem ganzen Erdenrund die Quellen der in Spanien entwickelten Einsichten zugänglich wurden, und welches vielleicht aus jenem Ereignisse eine Festigkeit erlangte , die ohne dasselbe in den meisten Gegenden längst erschüttert worden wäre, wie sie denn sogar auf der pyrenäischen Halbinsel längst erschlafft war. Will man Nothwendigkcit oder höhere Leitung in solchen historischen Ereignissen erblicken, so hat sie eher ihren Grund in der beispiellosen Geisteskraft, welche die Vertreibung von neuem erzeugt hat, und die der Gesammrheit fortwährend ein stärkeres Leben einhauchte, als die ganze, lange leidensvolle Vorzeit! — Will man höhere Leitung erkennen, so zeigt sie sich darin, daß der Rath der Frevler zu Schanden geworden, daß das was sie zum Bösen erdacht, vom Himmel in Wohlthat verwandelt worden, und daß die Unglücklichen, Verstoßenen, neue, friedliche, zum Theil sogar sehr glückliche Wohnsitze fanden, wo sie eine Erleuchtung vorbereiten halfen, welche dereinst sich weiter verbreiten wirb, wenn erst die Menschenrechte überall werden zur Wahrheit werden! Die Muttersprache in jüdischen Schulen. Von einem deutschen Schulmann. Seit dem Beginn dieses Jahrhunderts ist namentlich in Deutschland von Seiten der jüdischen Lehrer auf die Verbannung des häßlichen, in jeder Beziehung verwerflichen Dialekts, welcher in unfern Gemeinden leider so allgemein geworden war, die größte Anfmerksamkeit verwendet worden. Ja man betrachtete als die erste Stufe der Bildung den correcten Gebrauch der deutschen Muttersprache in möglichst reiner Aussprache; und mit Recht. Daß inzwischen die Erreichung dieses Zieles nicht so leicht sein würde, so lange noch im häuslichen Kreise der verdorbene Dialekt herrschte, war vorherzusehen, und die Erfahrung lehrt, daß j über ein Menschenalter hinaus, selbst bei festgestelltem grammatischen Bewußtsein noch immer sehr häufig die Wahl der Synonyme, die Accentuation und die Stellung der Worte eine gewisse Fremdheit, und selbst die .volle Richtigkeit eine gewisse Anstrengung verräth, die bisweilen in eine höchst widerwärtige Ziererei ausartet. — Nur die wenigen bessern Schulen einiger größern Städte! und der freiere Umgang und öffentliche Schulbesuch in Land-! städten haben es zum Theil dahin gebracht, daß die deutsche Sprache endlich auch bei den diesseitigen Zudcn zur Muttersprache geworden ist. Darum aber darf man nicht verkennen, daß die Spuren jenes Dialekts noch lange nicht verwischt sind, und die Schulbehörden sollten nicht ablassen, mit Strenge darüber |! zu wachen, daß dieser wesentlichen Corruption auf alle Weise gesteuert werbe. Wir halten daher das hier folgende Aktenstück, ein von dem großherzoglich badischen Oberrath der Israeliten vor einigen Zähren erlassenes Rundschreiben (verfaßt von dem wackern Oberrathsmikgliede, Herrn Epstein, dessen Leistungen wir oft schon zu rühmen Gej legenheit fanden) für eine sehr verdienstliche Darlegung der! Sorgfalt, die der Oberrath dem allgemeinen Woble wid-; met, und dessen Inhalt für sehr deachtcnswerth. Dasselbe! lautet also:! „ Es ist nicht zu verkennen, daß die allmahlige Beseiti-! gung solcher Eigenthümlichkeitcn der untern Klassen der! isr. Glaubensgenossen besonders auf dem Lande, welche mit! der Verschiedenheit der Religion in keiner Verbindung! stehen, und nur aus ihrer eigenen ehemaligen bürgerlichen! Stellung hervorgegangen sind, in vielfacher Beziehung sehr! wünschenswerth, ja ein dringendes Gebot der Zeit ist. l Es muß hierdurch nicht nur unmittelbar auf die eigne! Bildung der isr. Glaubensgenossen wohlthätig gewirkt, son- I dern unzweifelhaft manche eingewurzelte Vorurtheile gegen! dieselben bei andern Glaubensgenossen vertilgt, manche Verj anlassung zur lieblosen Verhöhnung derselben genommen und deren freundliches Zusammenleben mit ihren christlichen Mitbürgern befördert werden. Zn dieser vielfachen Rücksicht verdient das Sprachverhältniß vorzügliche Beachtung.

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